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Die Angst der Opfer und das Gebot der Stunde

Die psychischen und sozialen Folgen des Kapitalismus - und die politischen und spirituellen Gegenkräfte. Fragen an den Theologen Ulrich Duchrow

Publik-Forum: Herr Professor Duchrow, zusammen mit Reinhold Bianchi, René Krüger und Vincenzo Petracca kritisieren Sie in einem neuen Buch die psychischen und sozialen Folgen des Neoliberalismus. Welche sind das?

Ulrich Duchrow: Unübersehbar ist die immer schärfere Spaltung der Menschheit in Verarmende und sich Bereichernde - sowohl zwischen den verschiedenen Ländern als auch innerhalb der verlierenden und gewinnenden Länder. Bei den Verlierern dieser Entwicklung wird das Selbstwertgefühl schwer beeinträchtigt - insbesondere durch die Massenerwerbslosigkeit und andere Formen der sozialen Ausgrenzung. Diese Traumatisierungen werden noch verstärkt durch die Reden der wirtschaftlichen und politischen Eliten sowie der Medien. Wie bei Hartz IV machen sie die Betroffenen für die Arbeitslosigkeit verantwortlich, statt diese zu bekämpfen. Hier spricht die Psychologie vom Desorientierungstrauma. Die Opfer werden ein zweites Mal zu Opfern gemacht.

Publik-Forum: Und was macht die Entwicklung mit den Gewinnern?

Duchrow: Sie erliegen der Sucht nach dem Mehr-Haben. Der dadurch genährte pathologische Narzissmus verführt viele dazu, ihre eigene Größe durch die Erniedrigung der Anderen zu steigern. Das stärkt sie in ihrer paranoiden Selbsteinschätzung.

Publik-Forum: Wie zeigt sich diese?

Duchrow: In der Zerstörung ihrer Gesamtpersönlichkeit. Sie spalten sich - wie an vielen Spitzenmanagern zu beobachten - in ein sentimentales und ein brutales Ich.

Publik-Forum: Wie wirkt sich der Neoliberalismus bei der Verlierern im Süden aus?

Duchrow: Nehmen Sie die Fischer in Indien. An den Küsten werden kapitalintensive Krabbenfarmen für den Export eingerichtet. Dadurch verlieren die Fischer, die zur Selbstversorgung und für die lokalen Märkte fische