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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2020
Der Sinnlosigkeit widerstehen
Ostern in der Corona-Krise
Der Inhalt:

Coronaferien

vom 10.04.2020
Kolumne von Katharina Müller-Güldemeister:

Ich sitze in meiner Bürogemeinschaft, in der normalerweise 15 Leute ein- und ausgehen. Keiner da, mit dem man ein Schwätzchen halten könnte. Und nach der Mittagspause lärmt die Stille statt der Jubelrufe vom Tischkicker in der Küche. Es fühlt sich an wie Sommerferien und ich bin die Einzige, die nicht am See ist. Wenn das Gefühl zu groß wird, sage ich mir, dass natürlich keine Ferien sind, sondern Corona die Welt beherrscht. Und dass die Kollegin, die sonst immer vor mir da ist, nicht die Badetasche packt, sondern zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung versucht, keinen Lagerkoller zu bekommen. Das versuchen gerade viele in meinem Umfeld: Alleinwohnende, Alleinerziehende, Kurzarbeitende und die, die sich mit dem Partner zoffen, weil der mal wieder besser weiß, was in einer Pandemie zu tun ist.

Da habe ich es doch ganz schön gut daheim in meiner WG. Ich sehe Menschen, alle dürfen arbeiten, und was Corona angeht, denken wir einigermaßen gleich: Hände waschen, Abstand halten, keine Hamsterkäufe, keine Panik. Abends schaue ich nun oft mit meiner Mitbewohnerin einen Harry-Potter-Film auf Englisch an, als Ersatz für den Konversationskurs, der nicht mehr stattfindet.

Meine Hobbys haben gerade Pause. Zum Bogenschießen auf dem Dachboden fehlt mir das Equipment. Und für Lindy Hop fehlt mir in der WG ein Tanzpartner (dabei hatte ich den Swing gerade so gut raus). Vor dem gemeinsamen Youtube-Yoga drücke ich mich, und so bin ich viel zu oft in der Speisekammer, um Chips oder Schokolade zu holen. Natürlich bin ich auch ständig online und bleibe immer wieder bei Videos hängen, die mir Facebook vorschlägt: Männer, die barfuß mit Spüli an den Füßen wie auf einem Laufband rennen – oder sich so schminken, dass sie ihrer Katze ähnlich sehen. Frauen, die Liegestütze auf Klopapierrollen machen. Und viele Videos, in denen Männer in Not geratene Tiere retten (einmal eins angeklickt, werden es immer mehr).

Mit etwas Neid verfolge ich, was meine Facebook-Freunde Tolles machen: Einer hat für seine Kinder ein Hochbett gebaut, ein anderer ist mit seinen Töchtern in die Pasta-Produktion eingestiegen, die Tochter einer Freundin näht aus Stoffresten kleidsame Atemmasken und eine Kollegin schwärmt von Camus’ Roman »Die Pest«. Außerdem, so verrät ein FAZ-Post, fänden Kondome und Sexspielzeug reißenden Absatz.

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