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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2017
Was heißt Auferstehung?
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Patrick Roth und der Theologin Margareta Gruber
Der Inhalt:

Streitfragenzur Zukunft: Führen uns heilige Bücher in die Zukunft?

von Hamed Abdel-Samad vom 07.04.2017
Nein, das können sie nicht! Denn sie sind die Projektionen vormoderner Menschen auf Gott

Um in die Zukunft der Religion und unsere Zukunft mit ihr blicken zu können, lohnt es sich, einen Blick in die Vergangenheit der Religion zu wagen. Wie ist die Idee von Gott, wie die Konzeption heiliger Bücher entstanden? Wie hat sich die Religion zu einer Weltmacht entwickelt?

Als wir im Rahmen der Evolution zu Menschen wurden, standen wir ziemlich alleine da. Wir waren einsam und hatten Angst. Wir waren umgeben von vielen Naturphänomenen und Gefahren, die wir weder abwehren noch erklären konnten. Wir sahen, wie unsere Mitmenschen vor unseren Augen getötet wurden. Wir wollten wissen, wohin sie nach dem Tod gehen, aber bekamen keine Antwort. Wir selbst mussten töten, um zu überleben, und später töteten wir, um uns zu bereichern. Überlebenskampf, Angst und Schuldgefühle belasteten uns.

Aber unerklärliche Phänomene und Naturschauspiele beflügelten auch unsere Fantasie. Wir sahen die Vögel, wie sie frei am Himmel flogen, und wünschten uns, Flügel wie sie zu haben. Wir sahen die Bäume, wie sie ihre Wurzeln tief in die Erde schlugen, wie ihre Äste und Blätter mit dem Wind tanzten, wie sie in voller Blüte standen und Früchte trugen. Wo waren unsere Wurzeln? Wir fragten uns, wie sich unsere Unzulänglichkeiten lindern ließen.

Deshalb erfanden wir eine transzendentale Macht und projizierten all das auf sie, was wir nicht sein konnten. Anfangs beteten wir die Sonne, die Sterne, das Wasser und die Steine an. Weil wir vergänglich sind, war für uns alles, was uns überdauert, Gott. Später beteten wir weibliche Götter an, Isis und Ishtar, weil sie, wie die Natur, Leben in sich tragen und Leben geben. Dann kam unsere Arroganz als Männer: Wir wollten uns die Erde untertan machen. Wir erfanden den himmlischen Gott und nannten ihn vollkommen, weil wir Mangelwesen sind. Wir nannten ihn Frieden, weil wir voller Gewalt sind. Wir nannten ihn Richter, weil wir uns nach Gerechtigkeit sehnten. Weil wir trotzdem Probleme mit unseren Unzulänglichkeiten hatten, stellten wir uns vor, auch wir könnten Vollkommenheit erlangen. Gott würde uns dabei helfen, er würde uns genau sagen, was er von uns erwartet, damit wir vollkommen würden. Deshalb erfanden wir die heiligen Bücher, die Gebote und Verbote, die Scharia und die Strafe.

Doch dabei übernahmen wir uns. Wir konnten die Gebote nicht erfüllen, weil wir nicht für die Vollkommenheit gedacht waren. Und so erfanden wir zuer

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