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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2015
Und der Mensch schuf das Netz
Gott in der digitalen Revolution
Der Inhalt:

Warum haben sie getötet?

von Norbert Copray vom 10.04.2015
Erschreckend normal: Eine soziologische Analyse des Massenmords an den Juden

Stefan Kühl
Ganz normale Organisationen
Zur Soziologie des Holocaust. stw 2130.
411 Seiten. 16 €

Als am 8. Mai 1945 Deutschland durch alliierte Streitkräfte vom Naziregime befreit wurde, endete der furchtbarste systematische, staatlich organisierte und bürokratisch-industriell betriebene Judenmord der Geschichte. In der Folgezeit haben Forschung, Geschichtsschreibung und Politik lange gebraucht, um zu begreifen, dass es ganz normale Bürger waren, die an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligten waren oder wurden. Dazu hatte unter anderen der US-amerikanische Historiker Christopher Browning mit seinem Buch »Ganz normale Männer« (2005) beigetragen. Heute gilt es in der Holocaust-Forschung als allgemein anerkannt, dass die am Massenmord Beteiligten keine anderen Menschen waren ›als du und ich‹.

Stefan Kühl nimmt sich in seinem Buch »Ganz normale Organisationen« des in der Holocaust-Forschung noch fehlenden Themas einer »Soziologie des Holocaust« an. Dabei will der Soziologieprofessor zwei einseitige Betrachtungsweisen überwinden beziehungsweise um eine dritte Perspektive erweitern. Einseitig ist für ihn die Annahme, dass der Holocaust auf einem individuellen, wie auch immer entstandenen Antrieb der Täter gründete. Einseitig ist für ihn auch jene Deutung, bei der viele aneinandergereihte Faktoren ein Bündel an Motiven ergeben, die Menschen zu Tätern werden ließen. Denn »die verschiedenen Aspekte werden weder begründet, gewichtet noch zueinander in Beziehung gesetzt«.

Daher widmet sich Kühl in seinem Buch Fragen rund »um das programmierende Entscheiden, mit dem ein Genozid in einer Vielzahl von Einzelentscheidungen umgesetzt wurde«. Wie kommen »ganz normale Männer«, »ganz normale Deutsche« dazu, »Zehntausende von Juden zu töten«? Der Autor verbindet Erkenntnisse aus unterschiedlichsten Disziplinen, um diese bislang unbeantwortete Frage zu klären. Entscheidend für seine Analyse ist, »dass mehr als 99 Prozent aller Tötungen von Juden durch Mitglieder staatlicher Gewaltorganisationen durchgeführt wurden«. Kühl zeigt, dass die »normalen deutschen Männer … erst im Rahmen von Organisationsmitgliedschaften die Bereitschaft entwickelt« haben, an »Deportationen, Gettoräumungen und Massenerschießungen« teilzunehmen. Auch wenn sich nicht alle die Ausrottung des europäischen Judentums zu eigen gemacht hatten, so ließen si

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