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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2013
Tödliche Hetze
Sozialethiker Friedhelm Hengsbach: »Wir brauchen Zeitrebellen«
Der Inhalt:

»Ich bin ein Hindukatholik«

von Hans Torwesten vom 12.04.2013
Patchwork-Religion? Religiöser Relativismus? Warum denn nicht? Das führt mich immerhin zum wahren göttlichen Urgrund. Erfahrungen eines Grenzgängers

In dem Film »Schiffbruch mit Tiger« sagt der junge indische Held Pi, der sich mit den Religionen seines Landes vertraut machen will: »Danke, Vishnu, dass du mir Christus vorgestellt hast.« Papst Benedikt XVI. hätte diese Haltung wohl dem »Relativismus« zugerechnet, den er während seiner ganzen Amtszeit bekämpfte, und auch sein Nachfolger Franziskus griff in einem Gespräch mit Diplomaten das Stichwort von der »Diktatur des Relativismus« auf. Es könne keinen Frieden geben, sagte er, wenn jeder nur sich selbst als Maßstab sehe; dies gefährde das Zusammenleben unter den Menschen. Denn: »Es gibt keinen Frieden ohne Wahrheit.«

Man kann das natürlich auch genau andersherum sehen. Für Kriege, Kreuzzüge und Terroranschläge haben bisher nicht diejenigen gesorgt, die alles ein wenig lockerer nehmen, sondern diejenigen, die glauben, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass der leutselige neue Papst einen Krieg gegen Ungläubige anzetteln wird. Aber in seinem Glaubensverständnis ist er, so steht jedenfalls zu befürchten, genauso beinhart wie sein Vorgänger. In den Ostertagen kamen widersprüchliche Signale von ihm. Zum Beispiel sagte er: »Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel.« Andererseits sagte er so wunderbare Sätze wie diesen: »Aus sich selbst herauszugehen bedeutet auch, aus dem Garten seiner eigenen Überzeugungen hinauszugehen.« Auch seine scharfe Kritik an einem selbstgenügsamen Narzissmus und einem Sich-Verbarrikadieren der Kirche lässt hoffen.

Gewiss: Es ist legitim, kirchlicherseits eine gewisse Oberflächlichkeit und Beliebigkeit, die nichts ernst nimmt, zu geißeln. Doch wie steht es mit der modernen Patchwork-Mentalität, die sich überall das »Beste« heraussuchen möchte? Ist auch sie zu verdammen? Der indische Junge in dem Film »Schiffbruch mit Tiger« nimmt die verschiedenen Religionen, denen er begegnet, ja durchaus ernst. Er möchte halt nur so offen, universal und in gewissem Sinne so »katholisch« wie möglich sein. »Katholisch« heißt ja bekanntlich: allgemein, allumfassend.

Hat sich die frühe Kirche nicht auch dieser Patchwork-Methode bedient? Hat sie nicht das »Beste« aus jüdischem Prophetengeist, griechischem Logos-Denken und so manchen heidnischen Gebräuchen herausgenommen und zu etwas Neuem zusammengeschweißt? Als Christ muss ich nicht mehr jede Grausamkeit im Alten Testament schlucken, da kann ich manches weglassen

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