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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2020
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Der Inhalt:

Hygiene im Familienbüro

vom 27.03.2020
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Was ist der Soundtrack der Corona-Krise? Bei uns ist es »Happy Birthday«. Händewaschen und zweimal Happy Birthday singen! So lautet schon seit Wochen der Schlachtruf aus dem Kindergarten. Denn das dauert etwa zwanzig bis dreißig Sekunden, und so lange sollen nach Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO die Hände am Waschbecken mit Seife und Desinfektionsmittel Kontakt haben. Happy Birthday singen wir nun in Endlosschleife. »Aprikose in der Hose, Marmelade im Schuh …«, vervollständigt der Mittlere. »Hä-Buffbai-tuju-Jette-Burzdag-Kuchen-Terze-pusten«, trällert die Kleine selbstvergessen und lässt den Wasserhahn laufen. Auf dem Stöpsel platziert sie ihren Hasen-Waschlappen. Dann geht sie fröhlich aus der Tür. Schnell eine E-Mail fertigschreiben, während das Kind Hände wäscht? Schlechte Idee.

Wenn schon die ehrwürdige Zeit Tipps gibt, mit welchen Sendungen man seine Kinder während des Homeoffice am besten vor dem Fernseher »parkt«, dann muss es ernst sein. Ist es auch. Die Corona-Krise hat Familien eigentlich etwas sehr Schönes geschenkt: ganz viel Zeit zusammen. Der Haken an der Sache: »Zeit zusammen« meint nicht »freie Zeit zusammen«. Denn wir Eltern arbeiten zu Hause. Oder sollten es zumindest tun.

Mein Mann und ich sind Journalisten und wir haben drei Kinder zwischen zwei und acht Jahren. Wir gehören zu einer Elterngeneration, die Fremdbetreuung selbstverständlich in ihren Alltag eingebaut hat. Ist das gut, ist das schlecht? Es ist einfach unsere Realität. Die Kinder entwickeln sich bislang prima. Und jetzt müssen wir plötzlich Aufgaben stemmen, um die wir uns nie beworben haben: Wir sollen neben unseren eigenen Jobs noch den des Klassenlehrers unserer großen Tochter übernehmen und den der Erzieherinnen der Kleinen. Überdies unter erschwerten Bedingungen, denn die Spielplätze sind zu, und auf Spielverabredungen soll man ja auch besser verzichten.

In den sozialen Medien blüht dementsprechend der Galgenhumor: gefesselte und geknebelte Kinder. Einkaufslisten, die gleich hinter dem notorischen Klopapier starken Schnaps beinhalten. »Quarantäne? Mit unseren Kindern?« Von Null auf Hundert in ein paar Tagen zur Vollzeitmutter und -hausfrau, die gleichzeitig noch im Bürochat Anwesenheit demonstrieren muss: Ich kann mich an keine größere Herausforderung erinnern. Wäre nicht die surreale Bedrohlichkeit, die über

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