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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2016
Der neue Mensch
Jens Reich über Fluch und Segen der Gen-Medizin
Der Inhalt:

Nachgefragt: Was ist in Idomeni los?

Der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (80) hat eine Nacht mit den Flüchtlingen an der griechisch- mazedonischen Grenze verbracht

Publik-Forum: Herr Blüm, Sie haben in Idomeni neben den Flüchtlingen Ihr Zelt aufgeschlagen. Wieso?

Norbert Blüm: Ich wollte den Menschen meine Solidarität zeigen. Wenn man in ein solches Lager fährt, kann man keine Besichtigungstour machen. Das ist ja kein zoologischer Garten, in dem man sich das Elend anschaut! Die eigentliche Form von Solidarität bedeutet, das Dasein zu teilen. Und die Geflüchteten haben es als Zeichen verstanden, dass sie nicht vergessen werden.

Wie haben Sie diese Nacht erlebt?

Blüm: Rabenschwarz, nass und kalt. Um mich herum ein Husten und Wimmern, das Weinen von Kindern. Fünf Zelte weiter lag eine Mutter mit ihrem fünf Tage alten Baby. Diese Bilder haben sich eingebrannt. Aber ich möchte nicht bewundert werden. Was ist schon eine Nacht? Beschäftigen Sie sich lieber mit den Menschen dort – nicht mit mir.

Es war nicht das erste Flüchtlingslager, das Sie besucht haben …

Blüm: Nein, ich habe auch in Lagern im Kosovo und im Sudan übernachtet. Aber so etwas wie in Idomeni habe ich noch nie erlebt. Was dort geschieht, ist ein Anschlag auf die Menschlichkeit. Finsterer als das Mittelalter. 12 000 Menschen liegen im Schlamm, darunter 5000 Kinder. Es wundert mich, dass noch keine Seuchen ausgebrochen sind. Viele Menschen sind traumatisiert. Ehe sie zurückgehen, werden sie da sterben. Wenn das so weitergeht, wird es ein Massensterben geben. Und Europa schämt sich nicht! Diese Wohlstandsgesellschaft schämt sich nicht!

In welcher Situation fühlten Sie sich in Idomeni besonders wütend und hilflos?