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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2016
Der neue Mensch
Jens Reich über Fluch und Segen der Gen-Medizin
Der Inhalt:

Der Letzte Brief (Vorsicht Satire!): Lieber Herr Kollege!

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Einladung, den Festvortrag zum hundertsten Bestehen Ihres Forschungsinstituts halten zu dürfen. Ich freue mich sehr, das heißt: Meine Neuronen im Gehirn freuen sich. Ich spüre es, sie feuern und knallen, dass mir der Kopf brummt. Ich hoffe sehr, dass mein limbisches System zu einer guten Präsentation inhaltlicher und didaktischer Art finden wird. Ich bin selbst sehr gespannt. Man weiß das ja vorher nie.

Es ist ja manchmal nicht so einfach mit unseren Gehirnen. Neulich konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich in der Kantine Kaffee oder Tee trinken sollte. Meine Neuronen feuerten wohl gegen- und aufeinander. Ich stand da, und dann drückte ich am Automaten plötzlich auf den Kakaoknopf. Ich und Kakao? Da hatten sich in meinem Hirn urplötzlich wohl neue Synapsen gebildet. Ich war höchst überrascht. Auch meine Kollegin Singer sah mich fassungslos an: »Sie trinken Kakao?« Da ließen mich meine Neuronen laut lachen.

Ach, übrigens, die Kollegin Singer. Die hat ja neulich in einer Vorlesung einen Unsinn erzählt, das glauben Sie nicht. Wenn ich nicht durch meine Forschungen wüsste, dass sie nichts für ihr Gehirn kann, hätte ich sie für ihre Äußerungen zur Rechenschaft gezogen.

Das bringt mein Gehirn zu der Überlegung, ob wir nicht Neuronenvernichtungsstätten – früher hätte man wohl Zuchthaus gesagt – brauchen, in denen wir biochemische Gehirnwäschen praktizieren könnten. Da wir längst nachgewiesen haben, dass Menschen keine Willensfreiheit haben, verlagert sich die Auseinandersetzung um das rechte Leben auf unsere Gehirne. In Wissenschaft und Politik kämpfen unsere Gehirne ja schon mit- und gegeneinander. Sozialschädliche, wahnhafte und inhaltlich ver