Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2017
Weisheit aus der Wüste
Das spirituelle Erbe der frühen Christen
Der Inhalt:

»Auch DDR-Frauen verdienten weniger«

vom 10.03.2017
Sie kamen selten in Führungspositionen, waren aber selbstbewusster, sagt die Kulturwissenschaftlerin Anna Kaminsky

Publik-Forum: Frau Kaminsky, haben Frauen auch in der DDR weniger verdient als Männer?

Anna Kaminsky: Ja. Wenn eine Frau die gleiche Tätigkeit ausgeführt hätte wie ihr Kollege, hätte sie zwar sicher das gleiche Gehalt bekommen. Doch obwohl sie ähnlich gut ausgebildet waren wie Männer, erreichten die DDR-Frauen seltener Führungspositionen. Sie arbeiteten häufig in schlecht bezahlten Berufen und gingen in Teilzeit, wenn Kinder kamen. Ende der 1980er-Jahre war ein Viertel der weiblichen Beschäftigten der DDR in Teilzeit tätig. Das Versprechen des Staates, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu zahlen, wurde also nicht eingelöst. In der DDR gab es einen ähnlichen »Gender Pay Gap«, wie wir ihn bis heute haben.

Gab es auch so viele Hausfrauen wie im Westen?

Kaminsky: Nein, nur sehr wenige. Eine Frau, die ihre Kinder zu Hause erzog, entzog sie dem politischen Einfluss des Staates – und das war nicht gewünscht. Dementsprechend wurden Hausfrauen abgewertet, vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren. Sie wurden als »Schmarotzerinnen« und »bourgeoise Dämchen« beschimpft. Ihre Kinder mussten sich die abfälligen Bemerkungen der Lehrer anhören. Das Ideal war die voll berufstätige Frau mit Kindern. Der Staat hat Teilzeit notgedrungen akzeptiert, aber darauf hingearbeitet, dass sie abgebaut wurde.

Also war die DDR-Frau gar nicht so emanzipiert?

Kaminsky: Das zu sagen wäre falsch. Ich zitiere gern die Berliner Soziologin Hildegard Maria Nickel: »Die Frauen in der DDR hatten einen Gleichstellungsvorsprung.« Wenn man bedenkt, dass Frauen in der Bundesrepublik sich noch bis 1977 von ihren Männern genehmigen lassen mussten, dass sie arbeiten gehen durften, hatten die Frauen in der DDR auf dieser Ebene tatsächlich mehr Rechte. Viele haben daraus ein großes Selbstbewusstsein bezogen. Nicht ihr Partner entschied über ihr Leben, sondern sie selbst. Sie konnten auch finanziell für sich sorgen, waren also nicht in dem Maß von einem Mann abhängig wie viele Frauen im Westen. Als sie ab 1990 mehrheitlich ihre Jobs verloren, war das ein herber Rückschlag für sie.

Warum wird die berufliche Situation der DDR-Frauen oft so idealisiert dargestellt?

Kaminsky: Die DDR-Propaganda verbreitete seit den 19

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen