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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Unfasslich unfromm

Schockiert, verstört, aber auch begeistert: Unser Autor durchlebt die Gefühlsexplosion der Psalmen

Die Psalmen bescheren mir eine tiefe Ruhe. Ich bete sie allerdings nicht im üblichen Sinn, falls man darunter versteht, andächtig die Hände zu falten. Höre ich Psalmen im Gottesdienst, empfinde ich nichts. Dort werden sie im Gewöhnlichkeitstonfall rezitiert. Die furiose Gefühlsexplosion dieser alten jüdischen Lieder erlebte ich erstmals während eines DDR-Aufenthalts, als ich die zwangsweise eingetauschte Ostmark in so viele Schallplatten verwandelte, dass sich darunter auch Psalmen-Vertonungen von Heinrich Schütz befanden. Als ich sie auflegte, war ich schockiert, verstört, aber auch begeistert: Zauberhaft zarte Knabenstimmen singen unfasslich unfromme Gedanken.

Etwa das melancholische Lied »An den Wassern zu Babel saßen wir und weineten«, das in den Aufruf mündet, Edom zu zerstören: »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmet und zerschmettert sie an dem Stein.« Ich höre das noch heute mit schaurigem Genuss. Es ist auf dramatische Weise schön, ich fühle mich wie gereinigt. Lauert in mir ein religiös motivierter Amokläufer? Von spiritueller Nettigkeit kann ich offenbar nicht leben. Sie wirkt auf mich angesichts der Katastrophen, die jeden jederzeit ereilen können, verlogen.

Im Evangelischen Gesangbuch hat man versucht, die Psalmen hübsch zu machen. Dort findet sich eine Auswahl, die man für angenehm und akzeptabel hält. Diesen Eindruck können sie freilich nur erwecken, weil man die aggressiven Töne herausgeschnitten hat.

Ich nähere mich den Psalmen lieber unzensiert, in voller Länge. Dafür öffne ich die Bibel in der Übersetzung Martin Luthers. Er war bekanntlich Judenhasser, was ihn freilich nicht davon abhielt, das jüdischste aller Liederbücher zu lie