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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

Der missverstandene Gott

von Klaus von Stosch vom 13.03.2015
Ein Kontrollfreak, rachsüchtig und mörderisch: Ist er so, der »Herr im Himmel«? Und verlangt er, dass wir auch so werden? Menschen, die für ihren Glauben töten, scheinen genau das zu denken

Der Gott der monotheistischen Religionen hat derzeit eine schlechte Presse. So schreibt beispielsweise der Wortführer des Neuen Atheismus, Richard Dawkins, in seinem Buch »Der Gotteswahn«: »Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz drauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontrollfreak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauen feindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.«

Ähnliche Vorwürfe hören wir derzeit gebetsmühlenartig auch und vor allem gegen den Gott des Korans. Im Kern lautet der Vorwurf, dass der Glaube an einen Gott dazu führt, alle Gegner dieses Gottes ausschalten zu wollen und in totalitärer Weise für ihn einzutreten. Der eine Gott – so die Behauptung – legitimiere die eine Herrschaft und die eine Lebensform und sei kaum mit Pluralität, Demokratie und Menschenrechten zusammenzudenken.

Der einzige Ausweg aus diesem Problem scheint für viele Menschen heute eine vollständige Entpolitisierung religiösen Glaubens. Erst durch die strikte Trennung von Religion und allen politischen Gestaltungsansprüchen sei – so ist immer wieder zu hören – Friede zwischen den Religionen möglich. Eine solche Trennung habe das Christentum im Zuge der Neuzeit mühsam gelernt, und es sei fraglich, ob der Islam dazu ebenfalls imstande sei. Jedenfalls sei die einzige Möglichkeit der Pazifizierung der Religion ihre Subjektivierung, Privatisierung und Verbürgerlichung.

Der erste Irrtum

Diese Diagnose scheint mir zwei gefährlichen Irrtümern aufzusitzen: Zunächst einmal ist es falsch zu glauben, dass der Gott der Bibel und des Korans auf der Seite der Machthaber stehe.

Der alttestamentliche Monotheismus etwa entsteht nicht im Königshaus Davids oder Salomos, sondern unter Menschen am Rande der Gesellschaft. Die entscheidende Bewegung, die Israel von den Völkern unterscheidet und zur Ausbildung des Monotheismus führt, ist die sich in der prophe tischen Subkultur entwickelnde sogenannte JHWH-allein-Bewegung des 9. und 8. Jahrhunderts vor Christus. Propheten wie Elija und Elischa, später aber auch Hosea oder Amos kämpfen mit letzter Entschiedenheit für

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