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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

Randsiedler im Rampenlicht

von Judith Kubitscheck vom 29.04.2011
»Rahmenlos & frei«: Die erste Vesperkirchen-Band

Für den ersten Konzertauftritt ihres Lebens trägt Christina einen grünen Turban, ein rotes Hemd und eine rote Hose. »Die bunte Kleidung lenkt vom bleichen Gesicht ab. Wenn ich aufgeregt bin, werde ich bleich«, sagt die obdachlose Frau. Christina singt in Deutschlands erster Vesperkirchen-Band »rahmenlos & frei«. Die meisten der 13 Sängerinnen und Sänger leben von Hartz IV; sie sind arbeitslos oder krank. Doch in ihrem ersten Konzert singen sie: »I am sailing«. Christina erklärt: »Das Lied ist von Rod Stewart – aber heute von mir.«

Beinahe trotzig hebt Christina ihren Kopf samt grünem Turban und blickt in die überfüllte Stuttgarter Leonhardskirche. Mit lauter Stimme beginnt sie ihr Solo. Nach ihr treten Otto und Christian ans Mikrofon. Die Stimmen der Männer klingen zaghaft, werden dann aber sicherer.

Christina wirft Kusshände ins Publikum. Sie strahlt. 2008 sang sie in dem Singkreis eines Stuttgarter Sozialcafés ihr erstes Solo. »Damals dachte ich, das geht nicht gut.« Doch das Gegenteil war der Fall. Sie wurde entdeckt: Diakoniepfarrerin Karin Ott, Organisatorin der Vesperkirche, lud sie zur Vesperkirchen-Band ein. »Ich war schüchtern. Heute bin ich anders drauf. Beim Singen darf man nicht zimperlich sein«, sagt Christina.

»In die Vesperkirche kommen viele Menschen, die sich überflüssig fühlen und darunter leiden, ausgegrenzt zu sein«, sagt Karin Ott. »Dabei haben diese Menschen viele Fähigkeiten.« Die Pfarrerin freut sich, dass in der Vesperkirchen-Band Leute ein Konzert geben, die sich selbst meist keine Eintrittskarte für einen Kultur-Event leisten können.

»Rahmenlos & frei« startete 2010 in der Stuttgarter Vesperkirche. »Wir nennen uns so, weil wir in keinen Rahmen passen und nicht nach Noten, sondern frei Schnauze spielen«, sagt Sängerin Andrea. Patrick Bopp von der A-cappella-Gruppe »Fuenf« leitet die Vesperkirchen-Band. Für ihn ist es nicht wichtig, dass alle sämtliche Töne treffen. »Wichtig ist die Atmo«, sagt Bopp. Der Berufsmusiker staunt, wie respektvoll die Sänger miteinander umgehen. »Sie unterstützen sich und ermutigen sich gegenseitig, ein Solo zu singen.« In nur vier Proben übte die bunte Gruppe selbst ausgewählte Lieder ein. Eine Profi-Band begleitet die Sänger.

Besonders begeistert ist Bopp von Melo. Der bezeichnet sich als »sizilianischer Schwabe« und erzählt: »Ich bin Straßenmu

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