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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

»Kinder gehören sich selbst«

von Ole Schulz vom 29.04.2011
Zeitmangel, Zukunftsängste und Bildungspolitik als Klassenkampf: Warum wir eine pädagogische Revolution brauchen. Fragen an den Kinderarzt Remo H. Largo

Herr Professor Largo, Ihr neues Buch heißt: »Lernen geht anders«. Hat sich die Schule seit dem Pisa-Schock nicht genug verändert?

Remo Largo: Die Fortschritte schätze ich als zu gering ein. Es geht nicht darum, die Schule nur ein klein wenig zu modifizieren. Die Kinder leben im 21. Jahrhundert, ihre Eltern kommen aus dem 20. Jahrhundert und die Schule stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die Schule muss von Grund auf überdacht werden. Aber dazu sind wir noch nicht bereit, weshalb man im Grunde die Schule belässt, wie sie ist, keine Altlasten entsorgt und der Schule immer mehr aufbürdet, und damit wird die Belastung für die Kinder und die Lehrer unerträglich.

Derzeit steht das Buch »Die Mutter des Erfolgs« ganz oben auf den Bestsellerlisten. Amy Chua beschreibt darin, wie sie ihre Kinder mit teilweise rabiaten Methoden zum Üben und Lernen anhielt …

Largo:Der Erfolg dieses Buches ist einfach zu erklären: Das ist genau der Weg, den wir eingeschlagen haben – noch mehr Druck. Amy Chua bestätigt gewissermaßen die Bevölkerung: ›Jawohl, Ihr habt recht, noch mehr Druck, dann wird es schon gut.‹ Eigentlich müsste man aber in die umgekehrte Richtung gehen, und dazu ist nur eine Minderheit der Bevölkerung bereit. Die Mehrheit starrt gebannt auf das chinesische Wirtschaftswunder. Die Eltern haben solche Angst um die Zukunft ihrer Kinder, dass sie bereit sind, diese Treibjagd mitzumachen.

Was ist denn falsch daran, Kinder zum Lernen zwingen zu wollen?

Largo: Das ist ein Irrsinn. Man meint, dass man mit viel Auswendiglernen, das über die Noten und Prüfungen erzwungen wird, die Kinder kompetent macht, und das ist einfach nicht wahr! Kompetenz ist nicht nur Wissen, das dann auch sehr rasch wieder vergessen wird. Sinnvolles Lernen ist ein Prozess, das ist immer an Erfahrung geknüpft. Es ist auch nicht so, dass Sie die Kinder beliebig fördern können. Die werden nicht klüger! Ich mache eine Analogie: Gibt man einem Kind zu wenig Nahrung, bleibt es klein. Gibt man ihm ausreichend zu essen, wird es so groß, wie es aufgrund seiner genetischen Vorgaben werden kann. Wenn das Kind jedoch überfüttert wird, wird es nur dicker und nicht größer. Desgleichen führt Überförderung nicht zu verbesserter Entwicklung, sondern vermindert die Lernmotivation. Jedes Kind soll zu dem Wesen werden, das in

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