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Später Besuch im Stasi-Isolierungslager

von Christoph Kuhn vom 09.03.2001

Zwischen Wäldern und Streuobstwiesen, am süßen See bei Eisleben, liegt Schloss Seeburg. Mit Wehrturm und eisernen Toren fand es einst die Staatssicherheit geeignet als »zentrales Isolierungsobjekt«. Hier und im Schloss Reinharz bei Wittenberg wären im »Spannungsfall« in der DDR-Zeit allein 500 Menschen aus dem Bezirk Halle eingesperrt worden: Frauen und Männer mit »verfestigter feindlich-negativer Grundhaltung«, »stark kirchlich gebundene Kräfte«, kurz jene, in denen die Staatssicherheit »Unsicherheitsfaktoren« sah. Etwa 40 hatten jüngst Gelegenheit, das für sie geplante Isolierungslager zu besichtigen. Eingeladen hatte der Verein Zeitgeschichte(n) e. V. in Halle. Mit Geschäftsführerin Heidi Bohley ist er der Geschichte auf der Spur, gegen das Vergessen.

Und dazu gehört auch die Erinnerung an das kaum bekannte Vorhaben, unbequeme Menschen in Lager zu sperren. Schon in den sechziger Jahren gab es konkrete Pläne. Und Ende 1988 waren im »Vorbeugekomplex« DDR-weit über 86 000 Menschen erfasst. An der Spitze die Städte Jena, Dresden, Halle und Leipzig. Für 10 539 von ihnen sollten die Isolierungslager eingerichtet werden. Ende 1988 gab es bereits 17.

Solche Einzelheiten erfahren die Gäste der Tafelrunde im Rittersaal von Schloss Seeburg. Sie stammen aus Publikationen der Gauck-Behörde und einer Dokumentation von Thomas Auerbach: »Vorbereitung auf den Tag X«. Danach verwahrte jeder MfS-Kreisdienststellenleiter zwei Kuverts mit Befehlen zur »konspirativen Verhaftung« binnen 24 Stunden. Alles war penibel geplant: Gefangenennummer, Fingerdruckbogen, »Sicherstellung der Effekten«, Haus- und Kleiderordnung, Armbinden, Ausrüstung der Wachtruppe mit Such- und Schutzhunden, Maschinen- und Scharfschützengewehren. (Die Grundrisskarte vom Schlossgelände verzeichnet die Schusswinkel.) Gefangenenkost: pro Tag zwei Getränke, 300 Gramm Brot.

Das Mahl der Tafel ist karg. An jedem Platz liegt eine Tüte mit dieser Ration. Die Zwiebel ist Zugabe, ganz zu schweigen vom trockenen Wein. Man prostet sich zu, trinkt auf die Freiheit. Das klingt pathetisch und irgendwie auch verspätet. Aber warum nicht. Bisher hatte niemand hier eine Vorstellung vom Isolierungslager. Zu DDR-Zeiten gab's nur eine vage Ahnung. Nach der Revolution hatten viele die Gewissheit eines Schicksals, das ihnen - unter anderen Umständen - zuteil geworden wäre. Deutliche Bilder haben die, die schon einmal inhaftiert waren. Sie erzählen vom »Roten Ochsen« in Cottbus, von Bautzen. Einen Mann erinn

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