Das zeitlose Vergessen
Vor Jahrzehnten befiel mich kurz eine Erfahrung, die mir bis heute lebhaft in der Erinnerung ist. Sie widerfuhr mir in der Woche, in der sich zahlreiche Prüfungen für mein Universitätsdiplom auf wenige Tage konzentrierten und ich mich unter extremem Stress fühlte. Am Tag der mündlichen Prüfung zu einem besonders heiklen Fach stieg ich zwei Stunden vor Prüfungsbeginn, vom Frühstück kommend, das Treppenhaus meines Wohnheims hinauf. Die Morgensonne schien auf ein künstlerisch anspruchsloses, weißgestrichenes Innengitter vor dem Treppenfenster. Mein Blick fiel auf das Gitter - oder nein: mein Blick ließ sich von diesem Gitter treffen ?, ich musste stehen bleiben, das Gitter anschauen und war gebannt von seiner Schönheit. So gebannt, dass ich aus der Zeit herausfiel. Da waren nur noch die Schönheit dieses Gitters und ich, beides in einer unbeschreiblich intensiven Kommunikation, und mich überkam das Empfinden: Das wäre es. Ausweg, Erlösung. Immer so bleiben. Absolut frei. Das Ganze dauerte nur zehn, fünfzehn Sekunden, dann war ich wieder in meiner zeitlichen Wirklichkeit, sah mich aufs Neue der Tatsache ausgeliefert, dass in knapp zwei Stunden die Prüfung beginne, und stapfte weiter das Treppenhaus hoch.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
