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Sie haben einfach nicht mitgemacht

von Christian Feldmann vom 13.02.2009
Die eigensinnigen Gebirgler von Le Chambon ließen sich ihre Überzeugung von keiner noch so blutigen Hetzjagd austreiben

Im Sommer 1942 kommt Marschall Pétains Jugendminister Georges Lamirand in das Dorf Le Chambon-sur-Lignon in den südfranzösischen Bergen, um eine Kundgebung abzuhalten. Irritiert stellt er fest, dass es keine Flaggen und Girlanden gibt. Kein Schmuck an den eintönig grau verputzten Häusern, alle Fenster sind geschlossen. Vor allem fehlen die üblicherweise zur Begrüßung angetretenen Menschenmassen. Als Lamirand mit dem Bürgermeister und dem Präfekten des Départments Haute-Loire - bei uns würde man Regierungspräsident sagen - auf dem Sportplatz eintrifft, atmet er auf: Wenigstens die Schulkinder zeigen Neugier. Sie umringen den hohen Gast, schütteln ihm die Hände.

Doch dann treten einige ältere Schüler auf den Minister zu. Sie überreichen ihm ein Dokument, das sich auf eine kürzlich stattgehabte Razzia im Pariser Judenviertel bezieht: 28 000 Menschen, darunter mehr als 4000 Kinder, sind festgenommen und zunächst in französische Lager, dann nach Auschwitz deportiert worden. Unter unmenschlichen Bedingungen. In der Sportarena Vélodrome d´Hiver nahe beim Eiffelturm funktionierten die Toiletten nicht, es gab kein Trinkwasser, verzweifelte Menschen begingen Selbstmord.

Na und? Es sind eben Juden, und man hat die Befehle der deutschen Besatzer ausführen müssen. Was geht das die Bauernkinder in diesem Gebirgsdorf an?

Aber es sind nicht nur Bauernkinder. Es sind Gymnasiasten aus mehreren Ländern, die hier an einer der Gewaltfreiheit verpflichteten höheren Schule lernen. Auch etliche künftige Theologiestudenten sind darunter. Der offene Brief, den der Minister unschlüssig in den Händen dreht und wendet, ist eindeutig:

»Wir haben von den schrecklichen Dingen erfahren, die in Paris geschehen sind. Wir wissen aus Erfahrung, dass die Befehle der Besatzungsmacht wenig später auch auf das unbesetzte Frankreich ausgedehnt werden. Hier werden sie dann als spontane Entschlüsse des Oberhaupts der französischen Regierung präsentiert. Wir fürchten, dass solche Maßnahmen auch bald auf Südfrankreich übergreifen werden. Wir halten es daher für unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass unter uns einige Juden sind. Aber wir machen keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Es widerspricht der Lehre des Evangeliums.«

Georges Lamirand ist nicht hergekommen, um sich Kritik anzuhören. Für diese Probleme sei er nicht zuständig, erklärt er hastig, der Herr Präfekt könne sicher etwas dazu sagen. Dann steigt er in sein Auto und fährt davon.

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