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Krisen mit Katia

von Eva-Maria Lerch vom 13.02.2009
»Super Nanny« Katharina Saalfrank hat sich zur einfühlsamen Pädagogin gemausert. Doch RTL inszeniert mit ihr ein Märchen

Wo ist Justins Brille? Sie liegt kaputt in der Schublade. Justin ist sieben, und seine Brille ist zerbrochen, als die Mama ihn ins Gesicht geschlagen hat. Seine Mutter schlägt ihn immer, wenn er nicht aufräumt. Oder wenn er den Tisch nicht decken will. Oder wenn er Nutella aufs Brot schmiert. Justin schaut mit traurigen Augen in die Kamera, fragt: »Willst du mal sehen?« Er geht er an den Wohnzimmerschrank, zieht die zerbeulte Brille aus der Lade und zeigt sie der Super Nanny.

Die Super Nanny hat lange schwarze Haare, ein schmales Gesicht und eine zarte Figur. Seit vier Jahren sieht man sie mittwochs auf RTL, wie sie zu Familien in die Wohnung kommt, wie sie Probleme benennt und analysiert, wie sie tröstet, ermahnt und ein neues Verhalten verordnet. Sie heißt mit bürgerlichem Namen Katharina Saalfrank, hat Pädagogik studiert, ist 38 Jahre alt und Mutter von vier Söhnen. Von Justin und den anderen Kindern und Eltern wird sie freundschaftlich »Katia« genannt.

Katia, die Super Nanny, war von Anfang an ein Quotenrenner. Seit der Erstausstrahlung der Sendung am 19. September 2004 verfolgen regelmäßig vier bis fünf Millionen Zuschauer die Doku-Soap. Vor allem junge Zuschauer interessieren sich für diese Art Reality-TV: Bei den 14- bis 49-Jährigen liegt der Marktanteil bei rund 25 Prozent.

Justin schaut Katia vertrauensvoll an, und die Super Nanny nimmt das misshandelte Kind in den Arm: »Es ist nicht deine Schuld«, sagt sie vor der laufenden Kamera, »wenn die Mama dich schlägt.« Die Zuschauer atmen auf. Mehrere schreckliche Minuten lang haben vier Millionen am Fernseher verfolgt, wie Justins Mutter den Jungen angebrüllt und auf den Boden geworfen, wie sie ihm die Ärmel seiner unaufgeräumten Sweatshirts um die Ohren gepeitscht hat. In ganz Deutschland verfolgt ein Millionenpublikum das Leiden eines kleinen Jungen, der geschlagen wird und wimmernd auf der Matratze liegt. Unterbrochen wird es dabei nur von Dallmayrs Genusskaffee und der Werbung für gesunde Frühstücksmargarine, die in glücklichen Familien so gerne gegessen wird.

Der Grund für die hohe Quote der Super Nanny liegt in der Nähe zur Lebenswirklichkeit und in einem voyeuristischen Vergnügen: Eltern können in die Wohnzimmer anderer Familien schauen und den eigenen Erziehungsstil vergleichen. Sie sehen hilflose Mütter und schreiende Väter, sie beobachten Kinder, die rechtsradikal oder drogenabhängig sind, die wochenlang die Schule schwänzen oder nachts n

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