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»Gott ist das völlig egal«

von Georg Magirius vom 13.02.2009
Schnurz, ob einer in die Kirche geht! Der Himmel wartet an der nächsten Ampel. Und hat eine Schwäche für die Frechen - oder? Fragen an Gabriele Wohmann

Frau Wohmann, Sie gelten als eine überaus produktive Schriftstellerin der deutschen Nachkriegszeit. Über die gleichbleibend hohe Qualität Ihres Schreibens staune ich oft und ich frage mich dann: Wie ist das nur möglich?

Gabriele Wohmann: Ich gehe an meinen Schreibtisch und mache einfach weiter. Woher die Einfälle kommen, ist schwer zu sagen. Am besten grüble ich nicht darüber nach, sonst würde ich mir die Spontaneität nehmen. Obwohl man dann ja doch wieder ständig reflektiert. In der Küche konzentriert man sich nicht bloß auf die Zwiebel, die man schneidet, sondern hat plötzlich einen Gedichteinfall. Das ist bei mir neuerdings so - um sechs Uhr abends.

Und dann?

Wohmann: Dann mache ich mir erst einmal die Hände sauber, um schnell was hinzukritzeln (lacht). Ist aber auch nicht jeden Abend so.

In Ihren Büchern spiegelt sich das Zeitgeschehen wider: RAF, Tschernobyl, 11. September 2001 oder auch die Schuldfrage und die Nazizeit - verstehen Sie sich als politische Autorin?

Wohmann: Das wäre mir zu einfach, zu eindeutig. Aber dass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt etwa Erziehung eine Rolle - das ist ja nun nicht unpolitisch.

Politisch sein kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.

Wohmann: Ja, dann könnte man sagen, dass ich eine politische Autorin bin, weil ich mit ziemlich wenigem einverstanden bin - beim menschlichen Leben insgesamt.

Viele Ihrer Figuren sind originell und individuell. In Ihren neuen Erzählungen findet ein Pfarrer für seine empfindlichen Füße keine Filzpantoffeln mehr und folgert: Es werden wohl nur noch Einheitsfüße gebilligt, und ein Einzelner scheint sich ohnehin schleunigst verwandeln oder tarnen und sich mit den vielen anderen zur blöden Summe zusammenzählen zu müssen. Sind auch Sie selbst Individualistin?

Wohmann: Das kann ich eindeutig mit Ja beantworten! Von Kleinstkind an war ich das - schon in der Schulzeit. Da habe ich alles nicht leiden können, was mit Gruppe und Gemeinschaft zu tun hatte. Nun war das ja auch die Nazizeit mit übertriebener Entindividualisierung.

Sie haben unter den Nazis gelitten?

Wohmann: Es waren nur Kleinigkeiten bei uns Kindern. Mei

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