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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

Wagnis jenseits des Lehrplans

von Fritz Erich Anhelm vom 25.01.2013
Für ein ungewöhnliches Buchprojekt führen Schüler und Schülerinnen Interviews. Sie erforschen die Gesellschaft, in der sie leben – und stoßen mit ihrer Wahrheitssuche auf Widerstand

Alle habe ich sie gelesen. Und manche mehrmals. Sie sollten es auch tun! 55 Interviews auf 660 Seiten. 37 Schülerinnen und Schüler beteiligten sich an dem Projekt. Sie recherchierten, konzipierten Fragen, nahmen Kontakte auf, führten die Interviews durch, transkribierten sie, fotografierten und zeichneten Bilder. Je länger ich las, umso mehr faszinierte mich, was mir in dem Buch »Sehnsucht nach Wahrheit« begegnete. Es waren nicht nur die Lebensgeschichten, die sich hier aufblättern, auch die Fragen beeindruckten mich. Ungezwungene Neugier richtet sich auf die Gesprächspartner. Und zugleich informierte Differenzierung in der Sache. Oft nahm mich die Dichte dieser Interaktion in ihre Mitte und trug mich von Interview zu Interview.

Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Alfelder Gymnasiums fragten, Personen aus ihrem regionalen Umfeld antworteten. Heraus kam ein Kaleidoskop von Lebenswelten, bunt, intensiv und von der Suche nach der je eigenen Wahrheit geschüttelt. »Geld und Leben« hieß das Projekt. Das »und« ist Postulat eines Gesellschaftsvertrags, in dem Geld dem Leben dient, ihm die Macht über Denken und Fühlen jedoch entzogen ist. Was von da aus Geltung und damit Wahrheit beansprucht, artikuliert sich konkret und brisant. Die Schule distanzierte sich. Die Lehrerin, die es anstieß und begleitete, Christa Maria Bauermeister, stand zu ihm und denen, die sich darin engagierten. Sie bezahlte es mit ihrer Versetzung. Sehnsucht nach Wahrheit hat ihren Preis.

Dass dies so ist, zeigt das ganze Buch. Es ist den Interviewern anzumerken, wo sie es den Interviewten abspürten. Da verändern sich Fragen im Laufe des Gesprächs. Zunächst abstrakt Gedachtes wird konkret. Was suggestiv beginnt, wird zum Verstehen-Wollen. Sachliche Distanz verwandelt sich in emphatische Hinwendung. Zwischen den Zeilen schwingt es, besonders da, wo Fragen und Antworten einander sehr nahe kommen.

Woher kommen wir?

Das im letzten Kriegsjahr geborene »Kind im Kellerversteck«,Ingrid Wettberg, ist heute Leiterin der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover. Sie spricht über die Leidensgeschichte ihrer Familie. Sie, ihre Eltern und die Großmutter überlebten in einem Keller, geschützt und verraten und wieder versteckt von Arbeitskollegen des Vaters. Fünf Geschwister der Großmutter mit ihren Familien überlebten Auschwitz, Riga und Theresiens

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