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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

»Männer machen die Regeln«

von Britta Baas vom 25.01.2013
Der Hinduismus prägt Indiens Alltag. Religiöse Reformen gab es immer wieder. Doch heute stehen traditionelle Werte hoch im Kurs – schlecht für die Frauen. Fragen an die Indologin Xenia Zeiler

Frau Zeiler, in Indien läuft gerade ein weltweit beachteter Prozess gegen eine Gruppe von Männern, die eine 23-jährige Studentin zu Tode vergewaltigten. Ähnliche Taten werden wöchentlich neu bekannt. Hat Indien ein Männerproblem, das bislang zu wenig beachtet wurde?

Xenia Zeiler: Zu wenig beachtet wurde es nicht – in Indien selbst ist das Problem natürlich bekannt. In der indischen, aber auch in der europäischen Presse wurde das Thema Vergewaltigung immer wieder aufgegriffen. Indien ist ein Land, das patriarchalische Grundsätze lebt, das geprägt ist von einer strikten Rollenzuweisung an Männer und Frauen.

Welche Auswirkungen haben die strikten Rollenbilder im Alltag?

Zeiler: Ich bin häufig in Indien, weil ich dort forsche. So habe ich auch vielfältige Kontakte, zum Beispiel zu Familien. Anders als in Megacitys wie Mumbai oder Delhi, die im Alltagsleben sehr durch die Globalisierung geprägt sind, kann man in kleineren Städten und in Dörfern noch erleben, dass Frauen aus traditionellen Familien an Heim und Herd gebunden sind. Frauen werden dort in einem Maße für die Kindererziehung und für das Wohlergehen der Großfamilie verantwortlich gemacht, wie wir es in Europa heute nicht mehr kennen.

Frauen sind verantwortlich, werden aber gleichzeitig zurückgesetzt?

Zeiler: Ja. Zum Beispiel ist es so, dass Frauen in traditionellen Familien erst nach ihren Ehemännern und nach ihren Gästen essen; zuerst sind die »wichtigeren« Mitglieder der Familie zu bewirten. In den Großstädten leben Frauen stärker mit den Folgen der Globalisierung. Einerseits bedeutet sie die Chance auf Bildung, Aufstieg, Gleichberechtigung. Andererseits ist die traditionelle Rollenzuweisung an Frauen damit nicht aufgehoben; sie existiert parallel weiter. In öffentlichen Verkehrsmitteln sind zum Beispiel häufig Plätze für Frauen reserviert, weil der Staat Frauen damit einen Schutzraum geben möchte. Aber das funktioniert oft nicht – Männer okkupieren auch diese Plätze, und kaum jemand hindert sie daran.

Mehr als achtzig Prozent der Inderinnen und Inder leben aus hinduistischen Traditionen. Welchen Einfluss hat die vorherrschende Religion auf das Selbstverständnis und das Verhalten der Geschlechter?

Zeiler: Einen ausgesprochen großen. In

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