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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

»Jetzt bin ich richtig«

von Annette Lübbers vom 25.01.2013
Dorothee Diehl (55) hat lange nicht gewusst, was mit ihr nicht stimmte. Bis sie entdeckte, dass sie Linkshänderin ist

Manchmal sind es kleine Dinge, die irritieren. Kleine Sachen, die uns das Gefühl geben, dass irgendetwas mit uns nicht stimmt. Dieses diffuse, unbehagliche Gefühl war viele Jahre mein ständiger Begleiter. Aber ich hatte einfach keinen Aufhänger, an dem ich dieses Gefühl hätte festmachen können. Bis ich im April 2010 eine Lehrerfortbildung besuchte. Das Thema »Linkshändigkeit bei Kindern und wie gehe ich damit um?« schien mir wichtig, weil ich in meiner Ausbildung zur Lerntherapeutin gelernt hatte: Da musst du als Lehrerin hingucken. Also ging ich hin.

Die Rednerin sprach über die Folgen, die erzwungene Rechtshändigkeit für Kinder haben kann: Konzentrationsschwierigkeiten, schlechtere Gedächtnisleistungen, psychische Probleme bis hin zu Sprachstörungen, Stottern, Bettnässen, Lese- und Rechtschreibschwäche. Als Grund dafür nannte sie, dass umerzogene Linkshänder die schwächere Gehirnhälfte ständig überfordern und die stärkere Gehirnhälfte zu wenig beanspruchen.

Das war mir ganz neu. Ein echtes Aha-Erlebnis. Bis dahin hatte ich mir nie erklären können, warum ich mir Inhalte von Büchern, Reden und Lesungen immer so schlecht merken konnte und schon wenige Stunden später keine Zusammenfassung des Gesagten oder Gelesenen mehr hinbekam. Im Laufe meines Lebens bekam ich viele unnütze Ratschläge – etwa Kaugummi kauen, weil das angeblich das Gehirn in Schwung bringt. Aber nichts half. Meine Unzulänglichkeiten belasteten mich immer mehr. Später habe ich meine Probleme dann einfach auf mein Alter geschoben. Jetzt endlich glaubte ich, den wahren Grund gefunden zu haben: Ich bin eigentlich Linkshänderin.

An eine Phase der praktischen Umerziehung kann ich mich aus meiner Kinderzeit nicht erinnern. Da war niemand, der gesagt hätte: »Das macht man nicht mit links, das macht man mit rechts.« Oder: »Die rechte Hand ist die schöne Hand.« Zwar nahm ich Flaschen meistens mit links auf und band meine Schleifen andersherum. Und ich blätterte Bücher immer von hinten auf statt von vorn. Solche Kleinigkeiten nehmen Eltern ja nicht so wahr. Aber malen und schreiben? Das tat ich mit rechts.

Wahrscheinlich deshalb, weil ich es immer allen Erwachsenen recht machen wollte. Und recht machen hieß: es so machen, wie es alle tun. Sich anpassen, nicht auffallen. Ein braves Mädchen sein. Folglich schaute ich mir die Dinge bei den Großen ab – und die schrieben halt mit der rec

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