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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

Die versteckten Kinder

von Constanze Bandowski vom 25.01.2013
In Georgien sperren Eltern ihre behinderten Mädchen und Jungen aus Scham weg. Doch jetzt hilft ihnen das St. Elisabeth Integrationszentrum in Arali, einem Bergdorf im Kleinen Kaukasus

Nika hat keine Lust auf Fingerspiele. Sollen die anderen doch die ollen Verse vor sich hin brabbeln. Er macht jedenfalls nicht mit. »Das ist der Opa, das die Oma, das der Vater …« Und so weiter. Bis zum Schluss: »Wir sind eine große Familie.« Natürlich kennt er das alles, und er fühlt sich im heilpädagogischen Zentrum ja auch zu Hause, sonst würde er nicht jedes Mal hierherkommen. Nika weiß, welchen Finger er wann anfassen soll, schließlich ist er schon von Anfang an dabei, zwei Jahre also. Aber heute ist einfach nicht sein Tag. So etwas kommt vor, und das wird hier auch akzeptiert. Während Maja, Giorgi und die anderen mit großer Hingabe im Stuhlkreis spielen, an ihren Fingern herumzuppeln und vor Vergnügen quietschen, hängt er, dick eingepackt in einen roten Anorak, auf seinem Stuhl und starrt vor sich hin.

»Warum ziehst du die Jacke nicht aus, Nika?« Die Frage haut ihn wie ein Donnerschlag aus seinen Tagträumen. Er blickt sich irritiert um. Sein Mund verzieht sich zu einer schiefen Grimasse. Er kneift die Augenbrauen zusammen und presst ein paar unverständliche Worte heraus. »Die ist neu«, übersetzt Raki, sein Freund. »Hat er gestern erst bekommen.« Und plötzlich verwandelt sich Nikas Gesicht in ein einziges, großes, zufriedenes Grinsen. Er ist stolz auf seine Jacke, die hat ihm die Mutter gestern geschenkt. Deshalb kann der Ofen auch noch so bollern: Heute bleibt die Jacke an!

Nokoloz Gigoschwili, genannt Nika, ist zwanzig Jahre alt und mehrfach behindert. Seit zwei Jahren besucht er das St. Elisabeth Integrationszentrum in Arali, einem Bergdorf im Kleinen Kaukasus. Von den zehn Jugendlichen, die freitags bis sonntags hierherkommen, hat er die stärksten Einschränkungen. Seine Mutter schwört, dass er gesund zur Welt gekommen sei. Und sie meint, dass sein Gehirn einwandfrei funktioniere. Wahrscheinlich wurde Nika jedoch schon mit einigen Behinderungen geboren. Als er sieben Monate alt war, erkrankte Nika an einer Lungenentzündung, er wurde punktiert, bekam ein starkes Antibiotikum. Eine Niere versagte, und als die Mutter sich entschloss, ihre eigene zu spenden, stellten sich die Angehörigen quer. Die Operation hätten sich die Kleinbauern sowieso nicht leisten können. Ihre Erträge decken gerade den täglichen Bedarf.

Heute leidet Nika an diversen Krankheiten und Behinderungen, sowohl körperlich als auch geistig. Er steht unter Dauer

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