Leserbrief
Überheblicher Abstand
Nicäa weist nicht auf die »Hilflosigkeit zweier verschiedener Denksysteme« hin, sondern auf eine geniale Wegweisung und Zielrichtung für menschliches Denkvermögen in Zukunft. Demgemäß kann man von zwei konträren Denkansätzen ausgehen, die sich miteinander »christlich« verbunden und vermischt haben: griechisch vom Menschen auszugehen durch Metaphysik und Philosophie und hebräisch-jüdisch von der Beziehung zwischen Gottheit und Menschheit, die dem biblischen Denken im Glauben eigen ist. Das zu verstehen, schenkt aber irdischem Menschsein ein religiöses wie auch säkulares Denken, das mit den Widersprüchen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit dank »Menschwerdung« zuversichtlich umgehen kann. Josef Eisend, Malsch
Der provokanten Frage an Michael Seewald, ob »Jesus uns auch erlöst hätte, wenn er im Bett gestorben wäre«, fehlte leider der Zusatz: »und auferstanden wäre!« Erst der Auferstehungsglaube – und nicht die Hinrichtung – hat die Anhängerschaft Jesu wieder mobilisiert und zur Weiterführung der Israelmission motiviert. Für eine Auferstehung ist eine Kreuzigung keine Bedingung. Wohl aber für die Deutung des Todes Jesu als stellvertretende Sühne. Wenn Michael Seewald zu dem Versuch, den Tod Jesu als erlösend zu begreifen, »besser einen intellektuellen Sicherheitsabstand« wahren will, dann finde ich das ziemlich überheblich. Er erklärt damit die zentrale Aussage der paulinischen Theologie und des christlichen Bekenntnisses für toxisch. Jesus war Jude und sein Gott war der Jahwe des Alten Testaments. Ein Dogmatiker sollte dieser Tatsache Rechnung tragen und in der Lage sein, Wege der Erklärung und Sinngebung für den Tod Jesu zu finden, die den Menschen auch heute noch etwas zu sagen haben – denn die gibt es. Markus Zehetbauer, Uffing am Staffelsee




