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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2010
Über die Schönheit im Zeitalter der Gentechnik und Informatik
Der Inhalt:

Leben auf dem Jahrmarkt

von Patrizia Barbera vom 15.01.2010
Schon als Kind reiste er mit seinen Eltern von Festplatz zu Festplatz. Heute leitet Heinz Gebauer (36) den Familienbetrieb

Ein bisschen an der Kasse sitzen und den bunten Lichtern zusehen: Das ist so der Eindruck, den viele Leute von einem Leben als Schausteller haben! Aber Schausteller sein bedeutet auch, den ganzen Sommer lang von Stadt zu Stadt zu fahren und jeden Tag hart zu arbeiten. Morgens stehen wir um halb acht schon auf dem jeweiligen Festplatz und bauen unsere Autoskooter, Kinderkarussells und Losbuden auf. Das ist harte körperliche Arbeit, die sich am Abend – oft erst nach Mitternacht! – wiederholt. Dazwischen liegen viele Stunden im Freien, egal ob bei Regen oder Schnee. Am letzten Festtag müssen wir alles in die Lkws packen und nachts weiterfahren zum nächsten Festplatz. An Schlaf mangelt es da oft.

Zum Glück reise ich immer mit meiner Familie, das ist ein starker Rückhalt und macht viel Spaß. Eine eigene Familie habe ich nicht, aber meine Mutter, meine Schwester und mein Schwager sind immer dabei. Angefangen hat alles vor fünfzig Jahren. Damals kam mein Vater mit seinen beiden Brüdern als Flüchtling aus Schlesien nach Deutschland. Nach einiger Zeit im Bergwerk musste mein Vater in Ehingen in Baden-Württemberg ins Krankenhaus. Als seine Brüder ihn dort besuchen kamen, sahen sie auf dem Weg ein Karussell und dachten: Das sollten wir auch machen. Mein Vater war begeistert von der Idee, und so kauften sich die Brüder für acht Mark einen Baumstamm und bauten daraus ihr erstes Karussell.

Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber damit und mit angemieteten Bulldogs, die nicht schneller fuhren als sechs Kilometer in der Stunde, legten sie fast die gleiche Strecke zurück wie ich heute mit viel schnelleren Wagen. Geschlafen haben sie damals in Holzhütten ohne fließendes Wasser und Elektrizität.

Meine Schwester und ich durften immer mitfahren zu den verschiedenen Festen. Ich bin stundenlang Geister- und Achterbahn gefahren, und abends hat uns meine Mutter heimgefahren. Wir haben im Auto geschlafen, und am nächsten Morgen mussten wir in die Schule. Dabei hatten wir noch sehr viel Glück; viele Schaustellerkinder gehen jede Woche in eine andere Schule.

Mein Vater war die Seele unseres Betriebs. Als er vor acht Jahren gestorben ist, hat uns das alle sehr hart getroffen. Wir waren gerade mitten im Festwochenende. Als ich gehört habe, dass es ihm schlechter geht, bin ich schnell ins Krankenhaus gefahren. Das letzte Mal, als er die Augen aufschlug,

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