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Dialog im Dunkeln

von Patrizia Barbera vom 16.01.2009
In einem Frankfurter Museum führt der blinde Petros Bokretzien die orientierungslosen Sehenden durch seine eigene Welt

Im Dunkeln sind die Sehenden hilflos. Ängstlich tasten sie sich vorwärts durch die unbeleuchteten Räume. Alles ist schwarz, und sie können sich nur an meiner Stimme orientieren. Damit sie sich nicht so fürchten müssen, mache ich immer ein paar Witze zur Auflockerung. Hier, im Dialogmuseum in Frankfurt, führe ich die Sehenden durch meine Welt. In der Ausstellung Dialog im Dunkeln leite ich die Besucher durch komplett abgedunkelte Räume, eine dunkle Erlebnislandschaft. Da erfahren die Menschen, wie es sich anfühlt, blind zu sein. Ich selbst bin seit dem 16. Lebensjahr blind.

Der beeindruckendste Teil dieser Ausstellung ist der Klangraum. Hier erleben die Besucher, wie viel sensibler das menschliche Ohr auf Musik reagiert, wenn man nicht sieht. Die Musik fließt vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Nach der Führung gebe ich den Besuchern die Gelegenheit, mich alles zu fragen, was sie über mein Leben als Blinder wissen möchten.

Die meisten Menschen wissen ja gar nicht, was in Blinden vorgeht und welche Hilfe sie wirklich wollen. Einfach am Arm zu packen und irgendwohin zu ziehen ist zum Beispiel ganz schlecht. Wenn man mich aber nett fragt, ob ich Hilfe brauche, sage ich meistens ja.

Wenn ich daran denke, wie verzweifelt ich und meine ganze Familie vor einigen Jahren waren, bin ich stolz darauf, wie ich den Alltag heute meistere.

Erblindet bin ich kurz vor meinem 17. Geburtstag. Ich war da gerade auf einem eritreischen Jugendfestival in Kassel. Ich erinnere mich nur noch daran, wie ich plötzlich im Krankenhaus wieder aufgewacht bin. Gegen die Anweisung der Ärzte beschloss ich, wieder nach Hause zu gehen. Einige Zeit ging es mir gut. Dann hatte ich plötzlich Kopfschmerzen und musste mich ständig übergeben. Meine Mutter war sehr verzweifelt, denn ich lag den ganzen Tag mit starken Schmerzen im Bett. Ich konnte mich weder alleine anziehen noch laufen. Irgendwann fuhr mich meine Familie einfach auf gut Glück in die Neurologie. Wieder untersuchten mich die Ärzte und stellten schließlich die Diagnose: In meinem Kopf wuchs ein bösartiger Tumor heran! Ich hatte die Wahl zwischen einer Operation, bei der die Gefahr für mich bestand, zu achtzig Prozent schwerstbehindert zu werden, oder mich bestrahlen zu lassen. Natürlich habe ich mich für die Bestrahlung entschieden. Zunächst wurden meine Schmerzen etwas weniger. Danach verschlechterte sich meine Sehkraft innerhalb kürzester Zeit. Eines Tages wurde alles unscharf vor meinen

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