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Was machen Biolandwirte anders?

von Markus Dobstadt 24.11.2017
Bei Vögeln und Insekten gibt es einen dramatischen Schwund, für den Forscher den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft verantwortlich machen. Wie wirtschaftet die ökologische Landwirtschaft? Und wie kann der Rückgang der Artenvielfalt gestoppt werden? Fragen an den Biolandwirt Tim Keller
»Wir sollten nicht nur von Insekten und Vögeln reden. In einer Handvoll Erde gibt es Millionen Lebewesen, auch die leiden unter den chemischen Spritzmitteln«, sagt Biolandwirt Tim Keller (Foto: Dobstadt)
»Wir sollten nicht nur von Insekten und Vögeln reden. In einer Handvoll Erde gibt es Millionen Lebewesen, auch die leiden unter den chemischen Spritzmitteln«, sagt Biolandwirt Tim Keller (Foto: Dobstadt)

Publik-Forum: Herr Keller, in diesem Jahr wurde deutlich, dass es einen dramatischen Rückgang bei der Zahl der Vögel und Insekten gibt. Wahrscheinlich ist dies eine Folge des Insektizid- und Herbizideinsatzes. Sie wirtschaften biologisch. Was bedeuten für Sie die Insekten?

Tim Keller: Wir Biolandwirte sehen die Natur als ein System von Bausteinen. Insekten und Vögel sind wichtige Teile davon, weil sie diejenigen sind, die Schädlinge in Grenzen halten und die Pflanzen bestäuben. Vögel sorgen außerdem für Vielfalt, indem sie Samen verbreiten. Wenn wir es uns als Mensch herausnehmen, dort einzugreifen, dann glaube ich, dass das gravierende Folgen hat. Und zwar für die nächsten Generationen, die ja noch hier leben wollen. Aber wir sollten nicht nur von Insekten und Vögeln reden. Wir vergessen die Tiere im Boden. In einer Handvoll Erde gibt es Millionen Lebewesen. Alle diese Tiere leiden auch unter den Spritzmitteln und dem Einsatz schwerer Maschinen. Wir Landwirte sollten den Boden wie ein rohes Ei behandeln und ihm viel mehr Aufmerksamkeit schenken, damit dieses kostbare Gut erhalten bleibt.

Wie sehen Sie die konventionelle Landwirtschaft?

Keller: Das große Problem ist, dass heute eine Person sehr viel ausrichten kann, positiv wie negativ. Ein konventioneller Landwirt kann mit seiner Spritze, die mittlerweile über 30 Meter breit ist, an einem Nachmittag eine ganze Region behandeln und dabei einen enormen Schaden anrichten. Vor 50 Jahren konnte das ein Mensch noch gar nicht. Das hat sich sehr geändert. Jetzt fällt es uns auf, weil etwas fehlt, nämlich die Insekten und Vögel.

Wie wirtschaften Sie?

Keller: Bei uns ist die Lösung, dass wir probieren, eine große Vielfalt auf unseren Äckern zu erzeugen. Dass wir möglichst viele Nützlinge haben, die auch Schädlinge eindämmen können. Wir greifen damit auf ein Ur-Rezept der Natur zurück. Jedes Tier, das hier heimisch ist, hat auch einen Gegner. Wenn wir Probleme mit Blattläusen haben, gibt es Marienkäfer, die sie liebend gerne fressen. Man muss ihnen dann nur einen Lebensraum schaffen. Wir probieren ein Gleichgewicht herzustellen. Wir stehen als Mensch nicht über der Natur, sondern sind ein Teil von ihr.

Sie ernten aber weniger als konventionelle Landwirte?

Keller: Man kann sagen, dass wir im Durchschnitt die Hälfte von dem ernten, was ein konventioneller Betrieb an Ertrag bringt. Es gibt auch Jahre, da sind wir gleichauf. In diesem Jahr etwa hatten wir bei der feuchten und warmen Witterung Maiserträge wie die konventionellen Landwirte. Der Regen kam zum richtigen Zeitpunkt. Und wir hatten zur richtigen Zeit gesät.

Wie düngen Sie?

Keller: In erster Linie mit Mist. Wir achten außerdem darauf, dass – wenn wir in einem Jahr etwas anbauen, das dem Boden Nährstoffe nimmt – im nächsten Jahr eine Pflanze folgt, die ihm wieder etwas zurückgibt. Die Ackerbohne sammelt zum Beispiel Stickstoff aus der Luft, ohne dass ich etwas machen muss. Ich schaue auch sehr auf die Tiere, die im Boden leben, Regenwürmer zum Beispiel.

Den Unterschied zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft gibt es noch gar nicht so lange. Wann begann diese Entwicklung?

Keller: Vor ungefähr fünfzig Jahren hat es mit dem intensiven Pflanzenschutz angefangen. Mein Opa, der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg groß geworden ist, hat immer gesagt, damals habe er noch nichts anderes gemacht als wir heute in der Biolandwirtschaft. Das änderte sich in den 1960er Jahren. Heute höre ich immer öfter von Kollegen, dass sich Resistenzen gegen Spritzmittel bilden. Irgendwann wirken sie nicht mehr.

Sie nutzen stattdessen die Fruchtfolge, um Unkräuter einzudämmen?

Keller: Ja, die kann man mit einer gezielten Fruchtfolge ganz gut in den Griff bekommen. Wir bauen im Wechsel sieben Früchte an: Mais, Dinkel, Roggen, Gerste, Weizen, Triticale – eine Roggen-Weizen-Kreuzung – und Leguminosen wie Kleegras, die dem Boden wieder Nährstoffe zurückgeben. Kleegras lassen wir zwei Jahre lang stehen. In der Zeit hat der Boden Urlaub. Er kann sich erholen. Die starke Durchwurzelung ist wie eine Kopfmassage für die Erde. Gleichzeitig verhindert sie, dass andere, unerwünschte Pflanzen hochkommen. Die Regenwürmer sind in dieser Zeit ungestört. Da fährt kein Pflug durch. Es können sich Bakterien und Pilze bilden.

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Fruchtfolge gibt es bei konventionellen Landwirten aber auch.

Keller: Es gibt Landwirte, die machen das gut. Bei vielen bedeutet Fruchtfolge aber leider Mais, Weizen und Raps. Das sind alles Pflanzen, die viele Nährstoffe aus dem Boden nehmen und Pflanzenschutz brauchen. Und weil die Landwirte hohe Erträge haben möchten, düngen und spritzen sie entsprechend viel.

Was können Sie akut machen, wenn sich ein Schädling ausbreitet?

Keller: Im Zweifel können wir gar nichts machen. Wenn sich der Schädling ausgebreitet hat, ist es sowieso schon zu spät. Man darf es erst gar nicht dazu kommen lassen. Man kann vorher Nützlinge einsetzen. Ich muss sie nur mit Pflanzen anlocken. Sie sind ja da.

Mit Blühstreifen?

Keller: Die brauche ich nicht. Dadurch, dass ich die Unkräuter nicht flächendeckend kaputtspritze, habe ich immer welche. Das Ziel bei mir ist eigentlich nur, zum Beispiel den Mais größer werden zu lassen als das Unkraut. Dann funktioniert das System von alleine. Der Mais wächst oben, unten entwickelt sich ein sehr breites Spektrum an Wildkräutern. Die stören den Mais nicht mehr, bedecken den Boden, halten ihn mit den Wurzeln fest, das ist toll für Insekten. Da summt es richtig drin. Es ist schattig und feucht.

Ein Problem in der konventionellen Landwirtschaft ist, dass die Betriebe wachsen, damit sie nicht weichen müssen. Sollten die Betriebe wieder kleiner werden?

Keller: Ja, denn das fördert die Vielfalt. Wenn du nicht einen Bauer in der Region hast, sondern fünf, werden automatisch mehr Feldfrüchte angebaut. Dann haben wir einen bunt bestückten Teller, von dem viele essen können. Wenn die Felder nur einem gehören, baut er in einer Gemarkung nur Raps an. Er spart dadurch Maschinenkosten. So bekommen wir das Desaster, das wir jetzt haben.

Kann es gelingen, die Entwicklung umzudrehen?

Keller: Davon bin ich überzeugt. Aber es gelingt nur dann, wenn der Verbraucher mitzieht. Wenn er bereit ist, diese Arbeit zu schätzen und einen Preis bezahlt, der gerechtfertigt ist. Damit der Landwirt nicht mehr diese Massen produzieren muss. Die Politik muss auch mitziehen, indem sie es fördert, dass Landwirte verschiedene Früchte anbauen und sie auch kleine Betriebe unterstützt. Momentan ist die Förderung an die Fläche gebunden. Wenn das Produkt auf dem Feld einen anderen Wert hat, dann werden sich auch die Landwirte ganz anders engagieren. Weil sie nicht mehr den Druck haben, Masse erzeugen zu müssen. Dann brauchen wir überhaupt keine Förderung mehr.

Können Konventionelle denn von der Biolandwirtschaft lernen?

Keller: Ja, ich denke schon. Ich kenne einen Kollegen, der sich ärgert, wenn bei ihm eine Distel auf dem Acker wächst. Ich ärgere mich, wenn die Distel fehlt, weil sie Schmetterlinge anzieht. Die Politik muss es schmackhaft machen, Pflanzen wie die Ackerbohne anzubauen, die Stickstoff aus der Luft sammelt. In der Industrie wird Stickstoff mit viel Energieaufwand in Kügelchen gepresst, die der Landwirt als Dünger ausbringt. Aber die Pflanze macht das ganz von alleine, ohne dass einer einen Finger rührt.

Biologisch zu wirtschaften ist anstrengender als konventionell. Was schätzen Sie, wie viele Wochenstunden Sie arbeiten?

Keller: Ich zähle sie nicht. Mein Stundenlohn ist sicher weit unter zehn Euro. Aber mein Beruf ist ein Stück Lebensqualität. Ich kann Lebensmittel produzieren, die gesund sind. Ich weiß, wo mein Fleisch herkommt. Ich bin nie krank, ich habe kein Problem mit Burnout. Das hat auch alles einen Wert, den man nicht in Zahlen ausdrücken kann. Ich bin zufrieden, dass ich in dieser Branche arbeiten darf und davon leben kann.

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