Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 

Martin Luther Kings Gewaltlosigkeit

von Markus Dobstadt 04.04.2018
Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, wurde Martin Luther King ermordet. »Ich habe das Gelobte Land gesehen«, hatte er in seiner letzten Rede am Tag zuvor gesagt, und damit die starke Bewegung gegen die Diskriminierung Schwarzer in den USA gemeint. Doch Gewalt gegen Schwarze gibt es in den USA bis heute. Was bleibt von Kings Predigt zur Gewaltlosigkeit?
Martin Luther King bei seiner letzten, visionären Rede, die er am Abend des 3. April 1968 in Memphis hielt: »Ich habe das gelobte Land gesehen. Vielleicht werde ich nicht mit euch dorthin gehen können...« Einen Tag später wurde er ermordet. (Foto: pa/AP/Kelly)
Martin Luther King bei seiner letzten, visionären Rede, die er am Abend des 3. April 1968 in Memphis hielt: »Ich habe das gelobte Land gesehen. Vielleicht werde ich nicht mit euch dorthin gehen können...« Einen Tag später wurde er ermordet. (Foto: pa/AP/Kelly)

Als Martin Luther King ermordet wurde, kam Flois Knolle-Hicks, die aus Baltimore in den USA stammt und heute in Deutschland lebt, gerade aus der Kirche: »Junge Kerle aus der Nachbarschaft unserer Gemeinde schmissen die Scheiben einer Drogerie ein und schrien ,Martin Luther King’«, erinnert sie sich. Alle waren geschockt von der Nachricht, dass er, der gewaltlose Kämpfer für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen, tot war. Auch Sharon Bauer-Hutchinson hat damals die Nachricht der Ermordung Kings »aus der Bahn geworfen, weil sie so unerwartet war«. Andererseits habe man »es kommen sehen«, sagt sie.

Beide Frauen erzählen bei einem Gedenkabend in der Frankfurter Alten Nikolaikirche, zu dem unter anderem die Frankfurter Evangelische Akademie, die Hessische Landeszentrale für Politische Bildung und das Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau eingeladen hatten, von ihren Erinnerungen an diese Zeit.

Schwarze durften Weißen nicht in die Augen sehen

Flois Knolle-Hicks und Sharon Bauer-Hutchinson haben als schwarze Frauen in den USA die Rassentrennung hautnah erlebt. Sie sind aufgewachsen in einer Zeit, als Weiße und Schwarze in getrennten Welten lebten, wobei die weiße Vorherrschaft festgeschrieben war. Schwarze durften Weißen nicht in die Augen schauen, wenn sie an ihnen vorbeiliefen, mussten den Kopf senken. Im Bus mussten sie hinten sitzen, der Besuch von Schwimmbädern war ihnen verboten, im Mississipi durften sie nur an einem schmalen Streifen baden. Schwarze und Weiße konnten einander nicht heiraten. »Es gab keine Hotels für uns. Auch keine öffentlichen Toiletten«, erinnert sich Sharon Bauer-Hutchinson, die Musik studierte und später Pianistin wurde. Unterwegs musste die Notdurft im Freien verrichtet werden. »Als Kind war das für uns normal. Im Rückblick ist es institutionalisierter Rassismus.« Segregation bedeutete: »Du bist kein Mensch«, sagt Flois Knolle-Hicks.

Brutale Morde an Schwarzen heizten die Auseinandersetzungen in den USA an. 1955 wurde der afroamerikanische 14-jährige Junge Emmett Till, der in Chicago – also im Norden der USA – lebte, bei einem Besuch im Süden auf brutale Weise von Weißen umgebracht. Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht, schildert Sharon Bauer-Hutchinson – und vermutlich Rosa Parks zu ihrem Protest animiert. Parks weigerte sich im Dezember 1955, einem Weißen im Bus Platz zu machen und wurde daraufhin festgenommen. Der folgende Protest gilt als die Geburtsstunde der US-Bürgerrechtsbewegung. Ausschnitte aus Filmdokumentationen über Emmett Till und über den »Bloody Sunday« – 1965 wurde ein Protestmarsch in Selma von der Polizei niedergeknüppelt – vermitteln den Besuchern der Alten Nikolaikirche am Römer an diesem Abend einen Eindruck von der bedrückenden Stimmung jener Tage.

Bus-Boykott in Montgomery

Den aufsehenerregenden Bus-Boykott nach der Verhaftung Rosa Parks in Montgomery führte Martin Luther King an. Ab 1944 hatte er Soziologie an der einzigen Hochschule für Schwarze im Süden, dem Morehous College, studiert. Nebenher wurde er mit 17 Jahren Hilfsprediger seines Vaters an der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, Georgia. Dann studierte er Theologie am Crozer Theological Seminary in Pennsylvania. In dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit Mahatma Gandhi, dessen Gewaltlosigkeit ihn tief beeindruckte. King wurde Pastor an der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery in Alabama im Süden. Doch er blieb nicht in der Kirche, sondern ging raus auf die Straße. Und der gewaltlose Protest hatte Erfolg. Der Bus-Boykott endete damit, dass der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in den Bussen Montgomerys verbot. Ein großer Erfolg der entstehenden Bürgerrechtsbewegung.

1960 teilte sich King eine Pastorenstelle mit seinem Vater an der Ebenezer Baptist Church in Atlanta. Er, King Junior, wurde in den folgenden Jahren mehrfach tätlich angegriffen, überlebte drei Bombenattentate und kam zwischen 1955 und 1968 über 30 Mal ins Gefängnis. Aber er blieb gewaltlos. Und er prägte damit die Bürgerrechtsbewegung, die 1963 zum großen »Marsch auf Washington« rief. Mehr als 250.000 Menschen prostestierten gegen die Rassendiskriminierung in den USA. King hielt seine berühmte »I have a dream«-Rede.

Anzeige

Der Himmel - Sehnsucht, Glück und Weite

Seit Menschengedenken war der Himmel vor allem eines: der Sitz der Götter. Diese Naivität gibt es nicht mehr. Dennoch fasziniert uns der Himmel immer noch. /mehr

Es habe viele Trainings gegeben, um die Gewaltlosigkeit auch angesichts brutaler Polizeieinsätze beizubehalten, sagt Jamila Adamou, Referatsleiterin bei der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung und Moderatorin des Abends in der Nikolaikirche. Dabei hätten sich die Teilnehmer zu Übungszwecken gegenseitig beschimpft und erniedrigt. Es beeindrucke sie, dass die Menschen die Anstrengung auf sich genommen hätten, »bei sich zu bleiben und auf Gott zu vertrauen«. Sie fragt die beiden Zeitzeuginnen: »Was macht Kings Botschaft heute noch aktuell?« Sharon Bauer-Hutchinson sagte: »Die wichtigste Botschaft ist, dass Gewalt nicht der Weg ist. Gewalt bringt die Menschen nicht zusammen, sondern trennt sie. Wenn wir eine bessere Welt wollen, müssen wir uns die Anerkennung des anderen immer vor Augen halten.«

»Solidarität hat keine Hautfarbe«

Kings Vision der Gleichberechtigung aller in einer Gesellschaft der Vielfalt habe nicht nur den USA gegolten, sagt Flois Knolle-Hicks. Er habe »die ganze Welt« vor Augen gehabt: »Wenn Sie eine solche Unterdrückungserfahrung haben, gehen Ihre Augen auf für die Verdammten dieser Erde.« Sie meint: »Solidarität hat keine Hautfarbe«. Und: »Es gibt kein Ende.« Zwar sei die Rassentrennung in den USA formell aufgehoben. Rassismus sei jedoch nach wie vor weit verbreitet. Das berichtet aktuell auch die Washington Post. Fünfzig Jahre nach dem Mord an Martin Luther King haben die USA zwar einen Feiertag an seinem Geburtstag, es gibt Denkmäler, Straßen sind nach ihm benannt. Doch es grassiert zugleich Polizeigewalt gegen Schwarze, und auch wirtschaftlich sind sie weiter benachteiligt, wie die taz berichtet.

Auch in Deutschland und Europa gebe es Rassismus, sagt Jamila Adamou. Er komme nur in »anderen Gesichtern daher«, etwa als Fremdenfeindlichkeit: »Wir sind noch lange nicht durch.«

Kirchenpräsident: King ist ein »Prophet der Neuzeit«

Als »Prophet der Neuzeit« bezeichnet Volker Jung, Kirchenpräsident von Hessen und Nassau, an diesem Abend den Pastor aus den USA. Er habe Rassismus, Armut und Krieg als die drei Hauptbedrohungen für das Überleben der gesamten Menschheit erkannt.

King selbst hat sich durch seinen friedlichen Protest mit der Welt versöhnt. Offenbar starb er auch versöhnt. Das zeigt seine letzte Rede am Vorabend seiner Ermordung. Daraus zitiert zu lesen, berührt noch heute:

»Well, I don’t know what will happen now. We’ve got some difficult days ahead. But it really doesn’t matter with me now, because I’ve been to the mountaintop. And I don’t mind. Like anyobdy, I would like to live a long life. Longevity has ist place. But I’m not concerned about that now. I just want to do God’s will. And He’s allowed me to go up to the mountain. And I’ve looked over. And I’ve seen the Promised Land. I may not get there with you. But I want you to know tonight, that we, as a people, will get to the Promised land! And so I’m happy, tonight. I’m not worried about anything. I’m not fearing any man! Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord!« – »Ich weiß nicht, was kommt. Es stehen schwierige Tage an. Doch das beunruhigt mich nicht, weil ich auf dem Gipfel des Berges stand. Es macht mir nichts aus. Wie jedermann möchte ich ein langes Leben haben. Ein langes Leben ist gut. Aber darauf kommt es für mich nicht an. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Und Er hat mir erlaubt, den Gipfel des Berges zu erklimmen. Ich konnte darüber schauen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht werde ich nicht mit euch dorthin gehen können. Aber ihr müsst wissen, dass wir das Gelobte Land gemeinsam erreichen werden. Ich bin glücklich an diesem Abend. Ich mache mir über nichts Sorgen. Ich habe keine Angst, vor niemandem. Meine Augen haben das Kommen des Herrn gesehen!«

Kommentare
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Er wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette
Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.