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Gewaltstudie stigmatisiert Flüchtlinge

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 07.01.2018
Eine aktuelle Studie offenbart: Flüchtlinge sind für den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen mitverantwortlich. Das macht Schlagzeilen, das bleibt hängen. Was übersehen wird, sind die Details. Doch auf die kommt es an. Ein Kommentar von Elisa Rheinheimer-Chabbi
Mann in Handschellen: Flüchtlinge sind für den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen mitverantwortlich, zeigt eine neue Studie. Das macht Schlagzeilen, das bleibt hängen. Was übersehen wird, sind die Details. (Symbolfoto: pa/dpa/Paul Zinken)
Mann in Handschellen: Flüchtlinge sind für den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen mitverantwortlich, zeigt eine neue Studie. Das macht Schlagzeilen, das bleibt hängen. Was übersehen wird, sind die Details. (Symbolfoto: pa/dpa/Paul Zinken)

Rechtspopulisten und Neonazis dürfte das wie gerufen kommen: Unter Tatverdächtigen, denen Mord, Totschlag, Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird, sind überdurchschnittlich viele Flüchtlinge. Das ist das Ergebnis einer Studie der Kriminologen Christian Pfeiffer, Sören Kliem und Dirk Baier, in Auftrag gegeben vom Bundesfamilienministerium. Gewalttätige Flüchtlinge – das sitzt. Von Rechten wird das triumphierend reduziert auf die Parole »Ausländer sind kriminell«. Sollte man die Ergebnisse des Gutachtens also lieber verschweigen, um kein Wasser auf die Mühlen rechter Populisten zu gießen? Natürlich nicht.

Es ist wichtig, genau hinzusehen. Zunächst gilt: Die Gewaltkriminalität war in den vergangenen Jahren laut Studie stark rückläufig. Zwischen 2007 und 2014 sind polizeilich registrierte Gewalttaten in Niedersachsen (und nur dieses Bundesland hat die Studie untersucht) um 21,9 Prozent zurückgegangen. Das sind gute Nachrichten. Leider gehen sie unter, denn eine alte Journalistenweisheit besagt: »Only bad news are good news«.

Die schlechten Nachrichten: Junge Männer aus Tunesien, Algerien und Marokko neigen in Deutschland besonders häufig zu Gewalttaten. Das darf man weder verschweigen noch beschönigen oder rechtfertigen. Um die Situation in den Griff zu bekommen, reicht es aber nicht, nur zu fordern, kriminelle Ausländer schneller abzuschieben.

Was die Studie offenbart: Einige Details

Erstens: Zur Gewalt neigen besonders jene Asylbewerber, die eine schlechte Bleibeperspektive in Deutschland haben und dementsprechend perspektivlos sind: (Nord-)afrikaner. Syrer, Iraker und Afghanen tauchen hingegen sehr viel seltener in den Kriminalstatistiken auf. Wer gute Chancen sehe, in Deutschland bleiben zu dürfen, »wird bemüht sein, diese Aussichten nicht durch Straftaten zu gefährden«, heißt es in der Studie. Zum anderen kommen vor allem jene jungen Maghrebiner nach Deutschland, die bereits in ihren Herkunftsländern am unteren Ende der Gesellschaft standen. Die gut Ausgebildeten bleiben in der Regel in ihrer Heimat, wenn dort Krieg und Verfolgung ein Leben nicht unmöglich machen.

Zweitens: Die Rede ist stets von Tatverdächtigen, nicht von verurteilten Tätern. Die Forscher betonen, dass Gewaltdelikte von Flüchtlingen viel häufiger angezeigt werden als die von Deutschen. Sie gehen davon aus, »dass Gewaltdelikte von Flüchtlingen im Vergleich zu denen deutscher Täter mindestens doppelt so oft angezeigt werden.« Explizit heißt es in der Studie: »Medien und Politik sollten auf diesen Verzerrungsfaktor hinweisen.« Tatsächlich geht dieser Aspekt leicht unter.

Drittens: In jedem Land der Welt sind die männlichen 14- bis 30-Jährigen bei Gewalt- und Sexualdelikten deutlich überrepräsentiert. Der Anteil von jungen Männern dieser Altersklasse ist unter Flüchtlingen allerdings deutlich höher als in der deutschen Bevölkerung insgesamt.

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Viertens: Ein Großteil der Opfer von Gewalt durch Flüchtlinge sind selbst Geflüchtete. »Bei 90 Prozent der Tötungsdelikte, in denen Flüchtlinge als Verdächtige ermittelt wurden, seien andere Flüchtlinge oder Ausländer Opfer gewesen. Auch bei drei Vierteln der schweren Körperverletzungen durch Flüchtlinge seien andere Flüchtlinge und Ausländer Opfer«, berichtet der NDR mit Verweis auf die Studie. Zeit Online wies bereits im April 2017 in einer groß angelegten Untersuchung zu der Frage »Wie kriminell sind Flüchtlinge?« (basierend auf den Zahlen von Polizeistatistiken) daraufhin: »Die meisten der von tatverdächtigen Zuwanderern verübten einfachen und schweren Körperverletzungen finden in Flüchtlingsheimen statt.« Jüngst erstach ein Asylbewerber aus Syrien einen 39-jährigen Afghanen in einer Unterkunft im hessischen Hattersheim. Das hat freilich kaum jemand mitbekommen – das Opfer war ja »nur« ein Ausländer.

Fünftens: Männer schlagen eher zu, wenn die »gewaltpräventive, zivilisierende Wirkung, die von Frauen ausgeht«, fehle, heißt es in der Studie. Die Mehrheit der jungen, männlichen Flüchtlinge in Deutschland lebt hier ohne Partnerinnen, Mütter oder Schwestern, was zu einer Verrohung führe. Familienministerin Katarina Barley (SPD) forderte daraufhin, »eine gute und menschliche Regelung« für den Familiennachzug zu finden. Doch das ist nicht so einfach, denn Asylbewerber aus den Maghreb-Staaten haben meist keinen Anspruch auf Asyl und damit auch nicht auf Familiennachzug.

Dennoch gilt es, den Familiennachzug generell zu erleichtern. Aus Gründen der Menschlichkeit, als Mittel der Integration, und auch aus der Sicherheitsperspektive heraus. Der Kriminologe Christian Pfeiffer, einer der Autoren der Studie, betonte bereits im Dezember 2016 in einem Interview mit Publik-Forum, die Verweigerung des Familiennachzugs sei »aus kriminologischer Sicht das Falscheste, was man machen kann.« Er sagte ferner: »Wissen Sie, wann und wo es in Deutschland die meisten Vergewaltigungen gab? Das war in Heidelberg in den 1970er-Jahren, als dort viele einsame US-Soldaten stationiert waren. Leider hat die Politik daraus nicht gelernt.«

Die Details gehen unter. Zurück bleiben Vorurteile

Nun sind all diese Hinweise natürlich keine Entschuldigung für kriminelles Verhalten. Die Details zu kennen, ist jedoch essenziell, um in Diskussionen mit Rechtspopulisten dagegen halten zu können – und um die eigenen Klischees im Kopf zu durchbrechen.

Natürlich muss es möglich sein, Studien, die Gewalt durch Flüchtlinge thematisieren, öffentlich zu diskutieren. Gefährlich ist dabei jedoch das Ungleichgewicht: Das öffentliche Interesse am umgekehrten Phänomen – Gewalt gegen Flüchtlinge und Menschen, die dafür gehalten werden – ist gering. Deutlich mehr als 400 Angriffe auf Geflüchtete gab es zwischen Juli und September des vergangenen Jahres. Sie werden längst nicht mit derselben Vehemenz debattiert wie die neue Studie.

Aus Sicht von Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) trägt die Studie zur Versachlichung der aktuellen Debatte bei. »Wir dürfen das Thema Kriminalität von Flüchtlingen weder tabuisieren noch dramatisieren.« Da hat er Recht – doch das Ansinnen ist leider gescheitert. Denn allein die Kombination der Worte Flüchtling und Kriminalität lässt Emotionen hochkochen. Wer merkt sich schon die wichtigen Differenzierungen? Die Details gehen unter. Zurück bleiben Ängste, Vorurteile und Stigmatisierungen.

Kommentare
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Heinz P.
16.01.201819:35
Alles hat seine Ursache, von nichts kommt nichts.
Wir liefern Waffen, führen Kriege, machen in der ganzen Welt Geschäfte, wir verdienen überall mit.

Hört damit endlich auf und wir haben weniger Menschen die zu uns kommen.
M. Wolf
09.01.201819:26
Sehr geehrte Frau R.-Ch.,
Ihr Kommentar hinterlässt einige Ratlosigkeit bei mir. Was genau wollen Sie uns sagen?
Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie meinen, es müsse möglich sein, Studien über Gewalt durch Flüchtlinge öffentlich zu diskutieren. Andererseits beklagen Sie, allein die Kombination der Worte ´Flüchtlinge` und ´Kriminalität` lasse Emotionen hochkochen, die wesentlichen Details gingen dabei unter. Sie stellen sodann einige dieser wesentlichen Details aus der aktuellen, offensichtlich also auch aus Ihrer Sicht hinreichend differenzierten Studie vor, überschreiben Ihren Kommentar aber mit: "Gewaltstudie stigmatisiert Flüchtlinge", was den exakt gegenteiligen Eindruck vermittelt.
Wie bei allen komplizierten Fragen sind die Details unerlässlich für ein zutreffendes Bild der Lage. Falls Sie sich also nicht gegen die Studie und ihr Thema, sondern gegen einen undifferenzierten, Ängste schürenden Umgang mit ihren Ergebnissen wenden, stimme ich Ihnen zu.
MfG
Dirk Baas
09.01.201816:25
Genau richtig, dieser die Studie relativierende Tenor des Kommentars von Elisa Rheinheimer-Chabbi! Die Autorin holt gekonnt nach, was im allgemeinen Medienhype unterging bzw. gar keine Erwähnung fand: Stichwort Tatverdächtige und Flüchtlinge, die selbst Opfer von Gewalt werden. An der Stelle gestatte ich mir einen weiteren Hinweis, der ausdrücklich nicht als Relativierung von Gewaltkriminalität zu verstehen ist: Haben sich die Forscher jemals die Frage nach den Ursachen der Übergriffe gestellt? Haben Sie die prekären, drangsalierenden Lebensumstände von Asylbewerbern beleuchtet? Wenn nicht, wird es dazu höchste Zeit. Ich glaube, dass kein "normaler" Bürger sich auch nur annähernd ein oft monatelanges Dasein in Massenlagern vorstellen kann. Zwangsuntergebracht mit zig verschiedenen Nationalitäten, ohne Perspektive, ohne Familie, in der Regel ohne reguläre Beschäftigung. Das ist die Ursache des Übels. Hier muss man ansetzen, wenn man etwas gegen Kriminalität tun will.
Elisa Rheinheimer-Chabbi
09.01.201810:35
@ "hotner": Es geht in dem Beitrag nicht ums Relativieren und Schönreden, wie explizit betont wird, sondern um die Details. Bitte maßen Sie sich nicht an, im Namen des "Volkes" zu sprechen! Sie sind "das Volk", ich aber auch - und wir haben sehr unterschiedliche Ansichten, wie mir scheint. "Das Volk" wird überhaupt nichts verlangen, stattdessen fordern einzelne Bevölkerungsgruppen dies, andere jenes. Wir leben in einer pluralen Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Ansichten. Ich bin sehr froh darüber. Die Zeiten, in denen von einem einzigen "Volkswillen" gesprochen wurde, hatten wir gleich zwei Mal in der deutschen Geschichte. In diese dunklen Zeiten will ich nicht zurück und Sie hoffentlich auch nicht.
Elisa Rheinheimer-Chabbi
09.01.201810:30
@ Chris Gold: In der dargestellten Studie geht es explizit um Flüchtlinge, der Begriff wird darin so allgemein verwendet, wie Sie mit einem kurzen Blick auf die Studie feststellen können. Was genau empfinden Sie als "manipulativ ablenkende Darlegung"?
Chris Gold
08.01.201810:25
Nun, Ihren "Hinweisen" zufolge, entgehen einem nicht die Einseitigekeiten dessen. Insbesondere das Abzielen auf bestimmte Gruppen. Begleitet schon die unrichtige Bezeichnung "Flüchtlinge" den gesamten Artikel. Korrekterweise wäre eine Unterteilung unter den Áspekten geltenden Rechts, die bessere Wahl gewesen.
Nichts für ungut, aber Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sind die Gebote der Stunde und nicht manipulativ ablenkende Darlegungen.

Besten Gruß
hotner
07.01.201820:44
Liebe Frau Elisa R.,

wir sind offenbar wieder beim Relativieren oder Schönreden angekommen. Damit wird das Problem jedoch nicht gelöst. Merkel hat gegen das Volk gehandelt und das Volk wird verlangen, dass illegal gekommene Menschen und alle anderen, deren Gründe zur "Flucht" nicht oder nicht mehr bestehen wieder zurück gehen. Das wird am Ende auch so kommen müssen, weil ansonsten die deutsche Gesellschaft zerrissen wird. Das will das Volk nicht und egal wie lange Merkel noch an ihrem Stuhl klebt, das Volk wird sie wegfegen und mit ihr die Flüchtlinge, die von vielen schon per se zu Zuwanderern erklärt werden. Merkel wird in der Erinnerung der Menschen als Katastrophe bleiben und in Rekordzeit vergessen sein. Der Sekt steht schon kalt dafür. Und mit ihr die ganzen Gutmenschen, Profiteure und Lakaien, die den ganzen Schlamassel mit zu verantworten haben.
Deshalb liebe Frau Elisa R. wird alle Mühe vergebens sein, uns die Flüchtlingskatastrohe als nicht so schlimm zu verkaufen.
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