Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 

Die Tricks mit den Zahlen

von Wolfgang Kessler 05.09.2017
Wie in der Politik, besonders im Wahlkampf, mit statistischen Daten gezielt manipuliert wird. Einige Beispiele zur Warnung
Der Teufel steckt bei vielen Themen im Detail, und in der heißen Wahlkampfphase nehmen es manche Politiker damit nicht so genau, Wolfgang Kessler warnt vor Wählermanipulation mit Hilfe von Statistiken (Foto: pa/Gambarini)
Der Teufel steckt bei vielen Themen im Detail, und in der heißen Wahlkampfphase nehmen es manche Politiker damit nicht so genau, Wolfgang Kessler warnt vor Wählermanipulation mit Hilfe von Statistiken (Foto: pa/Gambarini)

Damit es keine Missverständnisse gibt: Zahlen sagen durchaus etwas über die Wirklichkeit aus. Das habe ich im Ökonomie-Studium gelernt. Gleichzeitig kann mit Zahlen gezielt manipuliert und Politik gemacht werden. Wenn sie verdreht, aus dem Zusammenhang gerissen oder sogar einfach nur erfunden. An Beispielen fehlt es nicht.

Zahlen die Reichen zu viel Steuern oder zu wenig?

Ein beliebtes Feld für Zahlentricksereien ist die Steuerpolitik. Hier findet jede politische Strömung Daten für die eigene These. Wer dem Vorwurf entgegentreten will, die Reichen bezahlten zu wenig Steuern, wird die Einkommensteuer-Statistik heranziehen. Daraus ergibt sich, dass das reichste Zehntel der Bevölkerung etwa die Hälfte des gesamten Lohn- und Einkommensteuer-Aufkommens bezahlt.

Die Zahl ist unbestreitbar. Gleichzeitig ist ihre Aussagekraft beschränkt. Denn, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, die Lohn- und Einkommenssteuern machen nur etwa 30 Prozent des gesamten Steueraufkommens aus. Rund 40 Prozent stammt aus Verbrauchssteuern – und hier werden die Geringverdiener stärker belastet, weil sie einen größeren Anteil ihres Einkommens in den Konsum stecken müssen als die Reichen. Die eine Zahl ohne die andere ergibt keinen Sinn.

Der Teufel steckt im Detail

Wie sehr gerade in der Steuerpolitik der Teufel im Detail steckt, zeigt die Debatte über den Spitzensteuersatz. Wer den Mittelstand, die Facharbeiter, für sich gewinnen will, kritisiert gerne, dass der Spitzensatz von 42 Prozent bei Ledigen bereits für ein Jahreseinkommen von 53665 Euro fällig wird, bei Verheirateten ab 107330 Euro. Das ist ist richtig. Fairerweise müsste man jedoch dazu sagen, dass der Spitzensteuersatz erst für jeden Euro ab 53665 Euro Jahreseinkommen fällig wird – und eben nicht für den Verdienst bis zu dieser Grenze.

Der mathematische Abschied von den Arbeitslosen

Ob eine Politik erfolgreich ist, hängt auch davon ab, wie der Misserfolg berechnet wird. Zum Beispiel in der Beschäftigungspolitik. Unzweifelhaft ist die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren gesunken. Allerdings auch deshalb, weil immer mehr faktisch Arbeitslose nicht in der Statistik auftauchen. Nicht mitgerechnet wird, wer dauerhaft krank ist, von einem externen Arbeitsvermittler betreut wird oder sich weiterbildet. Nicht mitgerechnet werden Kurzarbeiter, auch viele über 58-Jährige fallen aus der Statistik heraus. Nach Berechnungen von Gerd Bosbach, Professor für Statistik in Koblenz, gab es zwischen 1986 und 2009 genau 16 Änderungen bei der Messung von Arbeitslosigkeit. »14 davon reduzierten die offizielle Arbeitslosenzahl«, schreibt Bosbach in dem Buch »Die Zahlentrickser«.

Eine wichtige Technik, um mit Zahlen zu manipulieren, ist die Wahl der Bezugsgröße. So war neulich in der Presse zu lesen, dass die »Zahl der Normalarbeitsverhältnisse in Deutschland seit 2010 zugenommen hat« – ein Erfolg. Hätte die Zeitung das Jahr 1991 als Bezugsgröße genommen, dann hätte sie schreiben müssen, dass die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse heute weiter unter der Zahl von vor 26 Jahren liegt – eine eher ernüchternde Feststellung.

Anzeige

Der Himmel - Sehnsucht, Glück und Weite

Seit Menschengedenken war der Himmel vor allem eines: der Sitz der Götter. Diese Naivität gibt es nicht mehr. Dennoch fasziniert uns der Himmel immer noch. /mehr

Ein beliebter Trick: Zahlen ohne Vergleichsgröße

Auch das Weglassen einer Bezugsgröße ist ein beliebter Trick. So gab es vor zwei Jahren Kritik an der »Massenzuwanderung« von Rumänen und Bulgaren nach Deutschland. Gehandelt wurde eine Zahl des Deutsche Städtetages: Allein im Jahre 2011 seien 147000 Rumänen und Bulgaren nach Deutschland gezogen. Das erscheint viel – vor allem, wenn man die rund 90000 Rumänen und Bulgaren verschweigt, die im gleichen Jahr weggezogen sind.

Beliebt sind auch dramatisch hohe absolute Zahlen – ohne Vergleichsgröße. So rechnen Kritiker der deutschen Europolitik immer wieder vor, dass Deutschland mehr als 20 Milliarden Euro, genau sind es 21,7 Milliarden, in den Euro-Kreditfonds ESM einzahlt. Zahlmeister Deutschland heißt es dann. Die Summe ist richtig. Allerdings zahlen viele kleinere Länder pro Kopf viel mehr in diesen Fonds ein, an der Spitze steht Luxemburg. Misst man die Pro-Kopf-Belastung der Deutschen durch diesen Kreditfonds, dann liegt das Land in der Europäischen Union an zwölfter Stelle.

Trickreich: Zahlen einfach aus der Luft greifen

Eine besonders Technik, um durch Zahlen seine eigene Position abzusichern, erlebten die Österreicher in der Flüchtlingsdebatte um eine Obergrenze. Im Jahre 2016 rechnete die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner plötzlich vor, dass Österreich genau 37500 Flüchtlinge aufnehmen könne. Durch die genaue Zahl erweckte sie den Eindruck, es gäbe präzise Untersuchungen darüber, wie viele Flüchtlinge die österreichische Volkswirtschaft verkraften könne. Solche Untersuchungen gab und gibt es aber nicht. Experten warnen deshalb davor, genaue Zahl zu glauben, wenn keine Quelle genannt wird.

Manche Politiker greifen Zahlen einfach so aus der Luft, um Emotionen zu schüren. So erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor einigen Monaten, dass sich »dreißig Prozent der Asylsuchenden« mit gefälschten Papieren als Syrer ausgäben. Dass es für diese Behauptung keine Zahlenbasis gab und gibt, störte den Minister nicht. Inzwischen gibt es eine Untersuchung: Bei 100000 Prüfungen wurden 412 Fälschungen entdeckt, also 0,412 Prozent.

Wie gesagt: Statistiken sind sehr wichtig, um bestimmte Entwicklungen zu bewerten. Wenn sie allerdings verdreht, ohne Bezug vorgetragen oder aus dem Zusammenhang gerissen werden, dann gilt: Vorsicht Manipulation.

Kommentare
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Er wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette
Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.