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Die Integrationshelfer

von Britta Baas 03.06.2019
Wie nimmt man die Generation sechzig Plus mit in die Zukunft? Die Jungen versuchen, mit den Alten Politik zu machen – nicht gegen sie. Die Projekte, die für den Deutschen Integrationspreis nominiert sind, zeigen genau das
Die einen sehen alles, die anderen nichts: Das muss sich ändern, finden die Jungen. (Zeichnung: pa/ dieKLEINERT.de)
Die einen sehen alles, die anderen nichts: Das muss sich ändern, finden die Jungen. (Zeichnung: pa/ dieKLEINERT.de)

In dem Augenblick, in dem Geschichte stattfindet, erleben Menschen Gegenwart«, schreiben Claus Leggewie und Harald Welzer in ihrem Buch »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten«. Ein Politologe und ein Sozialpsychologe denken darin über Klimapolitik und Zukunft nach, über Demokratie und die Frage: Warum tun wir eigentlich nicht, was wir wissen?

Wir wissen, dass die Erderhitzung unser aller Leben bedroht. Dass wir etwas dagegen tun müssen – und die Parteiendemokratie nicht in der Lage zu sein scheint, die eigenen Klimaziele zu verwirklichen. Wir wissen, dass die Gesellschaft tief gespalten ist. Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Und dass die neue religiöse, ethnische und kulturelle Vielfalt nicht allen gefällt. Während die einen diese Vielfalt gemeinsam gestalten, wehren sich die anderen mit Händen und Füßen gegen genau das. Es soll alles so sein, wie es einmal war! Die Ordnung der Gesellschaft soll weiß, dominant-christlich und männlich bleiben. Aber so kann sie nicht sein. Weil sie nicht mehr so ist.

Geschichte findet statt. Wenn wir einmal zurückblicken auf das Jahr 2019, werden wir sehen, dass die Jungen mehr als die Alten in der Lage waren, die Herausforderungen anzunehmen. Die Schülerbewegung Fridays for Future kämpft für Klimaziele, deren Einhaltung allein unser Leben zu retten in der Lage ist. Youtuber wie Le Floid und Rezo kritisieren die in der Gegenwart strategisch hilflose Politik. Sie fordern: Denkt endlich über eure Nasenspitze hinaus! Und über die nächsten Wahlen! Und dann sind da noch diese vielen, vielen Integrationsprojekte der Generation der unter Dreißig-Jährigen, die zeigen, um was es jetzt geht: die über Sechzig-Jährigen in die Zukunft zu integrieren.

»Nur gemeinsam können wir unsere Gesellschaft respektvoll und offen für alle gestalten«, heißt es in der aktuellen Ausschreibung für den Deutschen Integrationspreis 2019. 44 (!) Projekte buhlen darin um Aufmerksamkeit und Unterstützung für Integration. Bemerkenswert daran ist nicht nur die Zahl. Bemerkenswert ist vor allem, wie Integration hier verstanden wird. Es geht nicht darum, wie sich »die Neuen« in der Gesellschaft – Geflüchtete, Migranten, Ausländerinnen auf Arbeitssuche – am besten assimilieren. Es geht vielmehr darum, gemeinsam mit In- und Ausländern, mit Etablierten und Nicht-Etablierten ein lebenswertes Miteinander zu schaffen. Unter den Projekten ist zum Beispiel der »Frühstücksbus«, der in vielen Städten und Gemeinden Deutschlands hält, um auf offener Straße, auf Plätzen und Parkbänken Orte des Miteinanders entstehen zu lassen. Ein Frühstück für alle, die gerade vorbeikommen, Gespräche über Werte, Wandel und Wohlfühl-Gesellschaft inklusive: Studierende fragen danach, was andere denken. Und suchen auch über Gräben hinweg das Miteinander. Ein anderes Beispiel ist das Integrationsprojekt »Bürgerpark« in der Kleinstadt Unkel: Hier soll ein Ort entstehen, an dem Menschen verschiedener Kulturen, Religionen und Ethnien gern ihre Freizeit verbringen. Was braucht es dafür? Ein Team, dass selbst nicht in den Kategorien der Vergangenheit denkt. Sondern in denen der Zukunft.

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Was die Bewegungen der Jungen verbindet, ist ihr weiter Blick, ihre Vorausschau. »Eine politische Gesellschaft, die auf ihre gravierenden Zukunftsprobleme eine angemessene Antwort finden will, kommt um die Frage nicht herum, wie die Welt in zehn oder 25 Jahren aussehen soll«, schreiben Leggewie und Welzer. Es ist, als ob dieser Satz in der Generation der unter Dreißig-Jährigen das Handeln vieler bestimmt.

Es ist eine Generation, die in Deutschland in der Minderheit ist. Bei den Bundestagswahlen im Herbst 2017 war erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik eine deutliche Mehrheit der Wahlberechtigten über sechzig. Seither hat sich die Alterspyramide weiter zugunsten der Alten verschoben. Sie sind die Bestimmer in diesem Land –, weil sie so viele sind.

Die Generation der unter Dreißig-Jährigen weiß das genau. Und zieht die richtigen Schlüsse daraus. Nicht gegen, sondern mit den Älteren muss die Zukunft gewonnen werden! Es ist eine Strategie des »Förderns und Forderns«, des »Umarmens und Umgarnens«, die Wirkung zeigt. Die »neuen ‘68er »kanalisieren ihre Wut und ihren Protest in Empowerment. Warum tun wir nicht, was wir wissen? Das ist ihre Frage. Sie lassen nicht locker. Und das ist gut.

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