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von Wolfgang Kessler vom 29.06.2019
Der Mord an Walter Lübcke zeigt: Das Internet wird für Drohungen, Hass und Hetze missbraucht. Und die Demokraten schauen zu
Im Netz ist alles möglich. Hier sagen manche anonym, was sie in der analogen Welt nie zu äußern wagen. "Demokraten müssen sich gegen Hass und Hetze wehren können", meint Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: istockphoto/www.peopleimages.com; privat)
Im Netz ist alles möglich. Hier sagen manche anonym, was sie in der analogen Welt nie zu äußern wagen. "Demokraten müssen sich gegen Hass und Hetze wehren können", meint Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: istockphoto/www.peopleimages.com; privat)

Wenn man einem prominenten Politiker wie Bodo Ramelow gegenübersitzt, rückt einem der brutale Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke besonders nahe. Auch der Ministerpräsident von Thüringen lebt in Angst, in Angst um sich und um seine Familie, sagt er mir am Rande des Kirchentages in Dortmund. Wie Lübcke erhält auch er brutalste Hassmails und Morddrohungen. »Erst kürzlich ist im Kaufhaus in Erfurt jemand auf mich zugesprungen und rief: Volksverräter!« Spätestens seit dem Mord an Lübcke weiß die Welt, dass Drohungen im Netz auch Täter mobilisieren. Die Vision von einem Internet als offenes Medium für mehr Beteiligung, mehr Freiheit für alle, wird derzeit von der Realität eingeholt: Eine Minderheit nutzt das Netz, um die Demokraten zu terrorisieren.

»Volksfeinde an den Galgen«

Seit dem Mord an Walter Lübcke fragt man sich noch mehr als vorher, wie Politiker überhaupt mit so brutalen Drohungen fertig werden. Was mag wohl in dem Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) vorgehen, seit ihn Extremisten »an den Galgen« wünschen. Sein »Vergehen«: Er ließ in der Stadt Bäume fällen, um Platz zu schaffen für eine Straßenbahn. Was mag wohl in dem Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) und seiner Frau vorgehen, seit Rechtsradikale im Netz dazu aufriefen, ihn zu töten und seine Frau zu vergewaltigen? Er hatte nach der Mordtat eines Asylbewerbers zu Besonnenheit aufgerufen – und wurde prompt zum »Volksfeind« erklärt. Unter diesen Umständen kann man Menschen nur noch bewundern, die mit ihrem Namen und ihrem Gesicht für ihre Politik einzustehen. Und jetzt umso mehr, seit sie wissen, dass Aufrufen zum Mord auch Taten folgen können.

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