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Alarmsignale beim Klima

von Bernhard Pötter 02.12.2018
Im polnischen Kattowitz tagt die 24. Klimakonferenz. Die UN-Staaten wollen klären, wer in Zukunft wie viel gegen die Erderwärmung tun soll. Zum ersten Mal stellen sie ihre Klimapläne vor. Doch selbst wenn die alle umgesetzt werden, würde sich Welt immer noch um mehr als drei Grad erwärmen
Das Kraftwerk Jaworzno in Polen: Noch immer wird mehr als 80 Prozent des Stroms im Land der diesjährigen Weltklimakonferenz durch die klimaschädliche Kohleverbrennung gewonnen (Foto: pa/Woitas)
Das Kraftwerk Jaworzno in Polen: Noch immer wird mehr als 80 Prozent des Stroms im Land der diesjährigen Weltklimakonferenz durch die klimaschädliche Kohleverbrennung gewonnen (Foto: pa/Woitas)

Schlechte Nachrichten zum Klima gab es in den letzten Wochen mehr als genug: 2018 war weltweit das viertwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, warnte die UN-Behörde für Meteorologie, mit starken Stürmen, Dürreperioden, Waldbränden und Überschwemmungen; der CO2-Ausstoß aus Kraftwerken und Autos ist global wieder gestiegen, erklärte die Internationale Energieagentur; die Staaten müssten ihre Anstrengungen beim Klimaschutz verdreifachen, wenn sie ihre Ziele einhalten wollten, hieß es vom UN-Umweltprogramm. Und dann verlor die UN-Klimakonferenz auch noch ihren Gastgeber für nächstes Jahr: Die neue rechtspopulistische Regierung von Brasilien scheut die Mühen und Kosten für eine Klimakonferenz, die 2019 dort geplant war.

Ein Mammuttreffen mit 20.000 Teilnehmern

Das zumindest lässt sich vom diesjährigen Gastgeber der 24.Klimakonferenz (COP) im oberschlesischen Kattowitz nicht sagen: Polen organisiert das Mammuttreffen mit etwa 20.000 Teilnehmern rund um die Erderwärmung bereits zum vierten Mal. »Darin sind wir Weltmeister«, sagt Michal Kurtyka, Vize-Umweltminister und Vorsitzender der COP 24. Er weiß, dass seine Aufgabe, ein »ausgeglichenes Paket« zu verhandeln, schwierig wird: »Das Ergebnis von Kattowitz wird nicht einfacher als das in Paris«, sagt Kurtyka, ein freundlicher und erfahrener Unterhändler. »Wir müssen die politische Ebene mit der technischen Ebene zusammenbringen.«

Denn im Kongresszentrum von Kattowitz geht es ab dem heutigen Sonntag für zwei Wochen vor allem um wichtige globale Fragen. Vor drei Jahren haben sich 196 UN-Staaten im historischen »Pariser Abkommen« darauf geeinigt, die Erderwärmung bis 2100 »deutlich unter zwei Grad«, möglichst bei 1,5 Grad zu stoppen und die Weltwirtschaft nach 2050 von Öl, Kohle und Gas zu befreien. Wie das gehen soll, haben die versammelten Staatschefs allerdings offengelassen – jedes Land hat dafür einen Klimaplan, im UN-Jargon »Nationally Determinded Contribution«, NDC, vorgelegt, in dem es freiwillig seine Maßnahmen aufzählt.

Das Problem: Diese Pläne sind kaum vergleichbar, weil die Länder völlig verschiedene Maßnahmen und Berechnungsmethoden anwenden. Und selbst wenn sie alle verwirklicht werden, führen sie zu einer Erwärmung von 3,2 Grad, haben Experten errechnet. Diese Probleme soll Kattowitz lösen: In einem »Regelbuch« sollen sich die Staaten darüber einigen, wie die NDC künftig aussehen sollen, nach welchen Methoden Emissionen gemessen werden und welche Daten man von welchen Ländern verlangen kann.

Germanwatch: Industriestaaten stehen am »Scheideweg«

Zweites wichtiges Thema: Der »Talanoa-Dialog«, ein kooperatives Vorgehen nach einer alten Sitte aus dem Inselstaat Fidschi, der den Vorsitz bei der Konferenz im letzten Jahr in Bonn innehatte. Dabei treffen sich die Staaten zu Gesprächsrunden. Jedes Land soll seine Pläne vorstellen und erklären, was es in Zukunft plant. Klar ist, auch nach dem aktuellen Bericht des UN-Klimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel: Kaum ein Land tut genug, um die CO2-Emissionen so radikal zu senken wie nötig: Bis 2030 müsste sich der Ausstoß für dieses Ziel weltweit halbieren, haben die IPCC-Experten gefordert. Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch sieht deshalb die Industriestaaten an einem »Scheideweg zwischen fossiler Energienutzung und Klimaschutz. So weiter wie bisher geht es auf jeden Fall nicht«, heißt es in einer Erklärung. »Ernsthaftes Engagement ist notwendig, die Zeit von kritisch-gemütlich ist vorbei.«

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Ob das eintrifft, hängt wie immer auch am Geld. Die Entwicklungsländer fordern Garantien, dass die Industrieländer ihr Versprechen einhalten, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für den Klimaschutz in armen Ländern zu mobilisieren. Ein aktueller Bericht der UN befindet, dass bisher etwa 80 Milliarden davon zusammenkommen und die Staaten auf einem guten Weg seien. Aber über die Berechnungsweise wird es noch viel Streit geben – auch weil die Staaten als Teil dieser Versprechen gerade den »Grünen Klimafonds« der UN auffüllen müssen. Der wurde vor vier Jahren mit 10 Milliarden Dollar freiwilliger Beiträge der Industrieländer gestartet und finanziert inzwischen Dutzende von Projekten für Öko-Energien, Energieeffizienz, Warnung vor Unwettern oder besserer Landwirtschaft in den Ländern des Südens. Bei der nächsten Auffüllung 2019 wollen die USA unter Präsident Donald Trump nicht mehr dabei sein. Deutschland immerhin hat angekündigt, seinen Beitrag von 750 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro zu verdoppeln.

Deutschland noch ohne Einigung über Kohleausstieg

Sonst hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) klimapolitisch in Kattowitz nicht viel vorzuweisen: Deutschland hat offiziell zugegeben, sein Klimaziel für 2020 nicht zu erreichen, es bremst auf EU-Ebene schnelleren Fortschritt. Und eigentlich hätte die »Kohlekommission« bis zur Konferenz eine Einigung über den deutschen Ausstieg aus der Braun- und Steinkohle bringen sollen. Weil sich die Kommission nun in den Januar vertagt hat, wird die »Powering Past-Coal-Alliance« anderer Staaten wie Frankreich, Niederlande, Italien erst einmal ohne Deutschland das Kohle-Ende ankündigen.

»Wir kommen nicht mit leeren Händen, sondern können zeigen, was Deutschland für den Klimaschutz bereits tut«, sagt Schulze. Ihr ist vor allem wichtig, beim Ausstieg aus der Kohle den betroffenen Regionen ökonomische Perspektiven zu geben. Auch das wird international aufmerksam beobachtet: Wie verabschiedet eines der reichsten Länder eine dreckige fossile Industrie?

Für die polnischen Gastgeber ist das eine zentrale Frage. Sie drängen in einer eigenen Erklärung auf besseren Schutz der Wälder, die Förderung der E-Mobilität und vor allem einen »gerechten Übergang« weg von der fossilen und kohlebasieren Wirtschaft. Die Gastgeberstadt Kattowitz gilt dabei als Beispiel, wie sich eine Region nach dem Ende der Kohle neu erfinden kann: Nach der Schließung von Kohleminen herrscht in der Stadt trotzdem keine Arbeitslosigkeit. Ein Erfolg, den sich die Regierung auf die Fahnen schreibt. Kritiker bemängeln allerdings, Kattowitz profitiere vor allem von der boomenden Wirtschaft in Polen. Und sie werfen der nationalistischen PiS-Regierung in Warschau vor, sie wolle mit der Debatte davon ablenken, dass sie noch für Jahrzehnte auf die Kohle setzen, die heute noch 80 Prozent des Stroms liefert.

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Tim Nissen
05.12.201822:08
Was Deutschland alles für den Klimaschutz tut, zeigt die Regierung beim Umgang mit der Automobilindinstrie. Die Konzerne werden nicht in die Pflicht genommen, die Emissionsgrenzen sollen angehoben werden, weil diese ohnehin nicht eingehalten werden können, und E-Mobilität wird unzureichend gefördert. Wer uns und unsere Umwelt retten kann, ist der Verbraucher selbst. Zurück zur Regionalisierung, bewusste Wahl der Automarke, des Arbeitsplatzes, Lebensmittel usw. Der Wandel muss vom Volke ausgehen. Dies erfordert jedoch selbstloses Denken und Handeln und Respekt vor der Schöpfung. Dinge, die in unserer Gesellschaft Mangelware sind.
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