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Grenzgänger

von Hans-Jürgen Röder 22.12.2015
Der Fall der Mauer hat Europa und die Welt bis heute verändert und ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch die schlimmsten Grenzen überwunden werden können. Auch für mich persönlich war die Öffnung 1989 ein Glücksfall. Denn ich, Hans-Jürgen Röder, musste häufig zwischen Ost und West pendeln. Angst war dabei ein ständiger Begleiter. Teil fünf der Weihnachtsserie zum Thema »Grenzerfahrungen«
Besondere Steine und ein Metallstreifen in Berlin zeigen, wo die Mauer früher stand. Heute ist sie zum Glück nur noch Erinnerung. Hans-Jürgen Röder berichtet von Zeiten, als das noch anders war. Er selbst wurde damals zum »Grenzgänger« (Fotos: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.; pa/Fokken)
Besondere Steine und ein Metallstreifen in Berlin zeigen, wo die Mauer früher stand. Heute ist sie zum Glück nur noch Erinnerung. Hans-Jürgen Röder berichtet von Zeiten, als das noch anders war. Er selbst wurde damals zum »Grenzgänger« (Fotos: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.; pa/Fokken)

»Ist das nicht herrlich!«, sagte dieser Tage meine Frau, als wir von Westen auf das Brandenburger Tor in Berlin zufuhren. Ich zögerte etwas, weil ich nicht sicher war, ob sie das Bauwerk oder den hell leuchtenden Christbaum meinte, der uns durch das Tor entgegenstrahlte. »Ich meine die Tatsache, dass wir uns so völlig ungehindert zwischen Ost und West hin und her bewegen können«, betonte sie. »Das ist doch auch gut 26 Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer noch immer nicht selbstverständlich«, fügte sie hinzu.

Etwa genau so lange wohnen wir nunmehr im Berliner Stadtbezirk Mitte, nahe der ehemaligen Mauer. Und darum vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht die ehemals innerstädtische Grenze überqueren. Viel ist davon allerdings nicht mehr zu sehen. Man muss wissen, wo die Mauer verlief – es sei denn, man geht auf der Friedrichstraße nach Süden über den Checkpoint Charlie, wo täglich Hunderte Touristen etwas von dem nachspüren wollen, was dem Ort zu DDR-Zeiten seine historische Bedeutung verschafft hat. Als Grenzübergang war er damals den Alliierten vorbehalten.

Eine Tafel Schokolade nach der Flucht

Als ich 1975 begann, als Journalist hier regelmäßig die Grenze zwischen West- und Ost-Berlin zu passieren, hatte ich schon einige Erfahrungen im innerdeutschen Reisen. Die erste liegt mittlerweile gut 60 Jahre zurück und erfolgte für mich ebenso unbewusst wie unfreiwillig: Meine Eltern hatten damals beschlossen, mit ihren vier Kindern über West-Berlin in den Westen zu fliehen.

Zwischen beiden Stadthälften Berlins verkehrten damals noch S- und U-Bahnen, die von Seiten der DDR nur sporadisch kontrolliert wurden. Also fuhren wir im morgendlichen Berufsverkehr vom Bahnhof Friedrichstraße im Osten zum Askanischen Platz im Westen Berlins. Dass wir dabei eine Grenze überquerten, erfuhren die Kinder erst hinterher. Zum Trost gab es eine Tafel Schokolade, was begrenzte Zeit auch half, den Hinweis zu verschmerzen, dass wir wohl für einige Jahre die Heimat und die zurückgelassene Oma in Suhl-Heinrichs nicht wiedersehen würden.

Meine Eltern sind dann in Niedersachsen begrenzt heimisch geworden, nachdem mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 klar war, dass es auf absehbare Zeit für uns kein Zurück geben konnte. Aber wie viele andere hatte auch ich Mühe, mich damit abzufinden. 1963 nutzte ich erstmals die Möglichkeit, mit dem Bus nach West-Berlin zu fahren. Schon die Kontrollen bei der Einreise am Übergang Marienborn hinterließen bei mir einen Schock. Das wiederholte sich beim Verlassen der DDR in West-Berlin wie auch beim Besuch im Ostteil der Stadt.

Dabei konnte es nicht ausbleiben, dass ich die Erfahrungen an der DDR-Grenze mit denen verglich, die ich zuvor bei gelegentlichen Urlaubsfahrten nach Österreich, Italien oder Holland gemacht hatte. Und dieser Maßstab blieb faktisch im Unterbewusstsein bis zum Ende der DDR bestimmend. Dabei war mir ja durchaus klar, dass die deutsch-deutsche Grenze ein Teil des Eisernen Vorhangs war, der nicht nur Deutschland und Europa in zwei große Blöcke teilte. Und dennoch bereitete es mir jedes Mal erhebliches Unbehagen, wenn ich auf einen DDR-Grenzübergang zufuhr.

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Leibesvisitation durch Grenzsoldaten

Daran änderte sich auch nichts, als ich 1975 die Aufgabe übernahm, für den Evangelischen Pressedienst aus der DDR zu berichten. Das geschah zunächst einmal für einige Jahre in eher halblegaler Weise, indem ich zwei bis drei Mal in der Woche als Tourist oder zu Privatbesuch nach Ost-Berlin und ins Land reiste, um Informationen zu sammeln, die ich dann in West-Berlin journalistisch verarbeitete. Und da ich bei der Einreise wie auch bei der Ausreise häufig Notizen oder Dokumente dabei hatte, war die Erleichterung nach jedem Grenzübertritt groß, wenn ich dabei nicht erwischt wurde. Aber selbstverständlich war das natürlich nicht. Wie oft ich in dieser Zeit zur Leibesvisitation »ins Häuschen« oder mit dem Wagen in die Garage musste, habe ich nicht gezählt.

So habe ich fast fünf Jahre nicht nur die Kontrollpraktiken an DDR-Grenzübergängen »studieren«, sondern mich auch darin üben können, mit der Angst zu leben. Die war jedenfalls ein regelmäßiger Begleiter.

1979 bin ich dann als DDR-Korrespondent in Ost-Berlin akkreditiert worden. Ich verlagerte damit nicht nur meinen Lebensmittelpunkt von West- nach Ost-Berlin, sondern hatte nunmehr auch eine Reihe von Privilegien. Das betraf vor allem den völlig erleichterten Grenzübertritt, für den ich nunmehr ein Dauervisum und eine sogenannte Grenzempfehlung bekam. Das Dauervisum befreite mich davor, für jede Einreise, wie in den Jahren zuvor, eine gesonderte Genehmigung zu beantragen, und die Grenzempfehlung bedeutete faktisch, dass ich ohne Zollkontrolle passieren konnte. Und da mein Kfz ein Sonderkennzeichen erhielt, das Grenzern und Zöllnern meinen Status signalisierte, musste ich auch in aller Regel bei größerem Andrang am Übergang nicht lange warten.

Schnell mal »rüber« fahren

Damit hatte ich zugleich völlig veränderte Arbeitsbedingungen, die es nun wesentlich leichter machten, über das kirchliche Leben in der DDR, über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, über die vielfältige Arbeit der Diakonie, aber auch über die oppositionellen Gruppen zu berichten, die in den 1980er Jahren zunehmend von sich reden machten. Um diese Informationen in den Westen zu transportieren, war es oft für mich einfacher, schnell mal »rüber« zu fahren als zu versuchen, Telefonkontakt zu meiner Redaktion zu bekommen, denn von Ost nach West zu telefonieren war damals noch ein besonderes Abenteuer.

Mit dem erleichterten Grenzübertritt, der oft nicht mehr als vier, fünf Minuten dauerte, konnte ich zudem vermehrt Druckerzeugnisse wie Zeitschriften, Magazine und Bücher, aber auch andere Unterlagen unkontrolliert von West nach Ost und umgekehrt transportieren – ohne die Angst, die mich die Jahre zuvor regelmäßig begleitet hatte. Was es letztlich bewirkt hat, wird sich schwer messen lassen. Sicher ist nur, dass ich mit meiner Berichterstattung aber auch mit dem verdeckten Transport dazu beitragen wollte, die Grenze zwischen Ost und West durchlässiger zu machen.

Zehn Jahre habe ich von diesen Privilegien profitiert – Zeit genug, um das langjährige Gefühl des Ausgeliefertseins beim Grenzübertritt zu verlieren. Aber ganz verschwunden ist es auch heute noch nicht. Umso mehr genieße ich nach wie vor, mich bei meinen Fahrten durch Berlin daran zu erinnern, wie die Situation noch vor gut 26 Jahren war.

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