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»Google bedroht unsere Freiheit«

von Brigitte Neumann vom 07.05.2015
Die großen Internetfirmen setzen Normen. Sie kontrollieren das Zusammenleben und entscheiden, was gut ist. Ein Gespräch mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer über die Gefahr des Totalitarismus in der digitalen Gesellschaft. Der neue Publik-Forum-Titel
Das Internet, eine in sich geschlossene Welt mit wenig Kontakt zur Realität? Der Sozialpsychologe Harald Welzer meint, ja: »Die sogenannten User werden nur mit Informationen versorgt, die sie ohnehin haben wollen. Sie erhalten Freizeitangebote, Gesundheitskontrollangebote – alles personalisiert und ausschließlich in Bereichen, in denen sie sich schon immer bewegen«. Die eigene Erfahrung bleibt für ihn dabei auf der Strecke (Foto: ra2 studio/Fotolia)
Das Internet, eine in sich geschlossene Welt mit wenig Kontakt zur Realität? Der Sozialpsychologe Harald Welzer meint, ja: »Die sogenannten User werden nur mit Informationen versorgt, die sie ohnehin haben wollen. Sie erhalten Freizeitangebote, Gesundheitskontrollangebote – alles personalisiert und ausschließlich in Bereichen, in denen sie sich schon immer bewegen«. Die eigene Erfahrung bleibt für ihn dabei auf der Strecke (Foto: ra2 studio/Fotolia)

Publik-Forum: Herr Welzer, die großen Internetkonzerne wissen immer mehr über uns, und sie bestimmen zunehmend unser Leben. Die kroatische Essayistin Dubravka Ugresic warnt vor der »Wiederkehr des Kommunismus durch die Hintertür der Technik«.

Harald Welzer: Ich finde, Kommunismus ist noch viel zu positiv. Weil das kommunistische System vom Ideal her ja nicht von der systematischen Verblödung der Volksmassen ausging. Sondern von der Vorstellung, die Menschen von Unterdrückung zu befreien. Das kommunistische System baute in der Theorie auch auf die Intelligenz seiner Genossen und Genossinnen. Allerdings wirklich nur in der Theorie, in der Praxis natürlich nicht.

Bauen Google, Facebook und Co. etwa nicht auf unsere Intelligenz?

Welzer: Was wir im Moment durch die Internetkonzerne erleben, kommt einer systematischen »Entfähigung« der Leute gleich. Die Menschen werden auf Arbeit und Konsum reduziert. Ansonsten werden sie von Denkoperationen tendenziell abgehalten. Das lässt sich auch ganz leicht einrichten, weil die sogenannten User ja nur mit Informationen versorgt werden, die sie ohnehin haben wollen. Sie erhalten Freizeitangebote, Gesundheitskontrollangebote – alles personalisiert und ausschließlich in Bereichen, in denen sie sich schon immer bewegen. Mit anderen Worten: Für die Nutzer gibt es keine Möglichkeit, unerwartete Erfahrungen zu machen. So werden sie zu verschlossenen Individuen mit wenig Außenkontakten in der Realität, also auch wenig Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen. Die Utopie der digitalen Sphäre ist meines Erachtens – wenn ich das mal so flapsig sagen darf – eine wirkliche Verblödungsutopie. Der R

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