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Dürfen wir Tierversuche machen?

von Konrad Lehmann 16.03.2019
Ja, sie sind ethisch vertretbar, meint der Neurobiologe Konrad Lehmann. Tierversuche ermöglichen es, uns und die Welt immer umfassender zu verstehen. Ein Beitrag aus der Publik-Forum-Debattenreihe »Streitfragen zur Zukunft«
Der Neurobiologe Konrad Lehmann hält Tierversuche für notwendig, die Forscher gingen verantwortungsvoll damit um (Fotos: jxfzsy/Istockphoto; privat)
Der Neurobiologe Konrad Lehmann hält Tierversuche für notwendig, die Forscher gingen verantwortungsvoll damit um (Fotos: jxfzsy/Istockphoto; privat)

Selbstverständlich brauchen wir Tierversuche. Ehe ich das begründe, möchte ich zunächst zweierlei klarstellen.

Streitpunkt Tierversuche

Erstens sind Tierversuche keine Tierquälerei. Wir Forscher sind keine Unmenschen und uns unserer Verantwortung für die Tiere, mit denen wir arbeiten, sehr wohl bewusst. Überdies ist es in unserem fachlichen Interesse, dass es den Versuchstieren gut geht, denn Daten von kranken oder leidenden Tieren wären möglicherweise nicht reproduzierbar. ...

Die erschreckenden Bilder von gequälten Kaninchen, Katzen oder Affen, welche die kritische Öffentlichkeit vor Augen hat, wenn es um Tierversuche geht, sind jedenfalls nicht repräsentativ – achtzig Prozent aller Versuchstiere sind Mäuse und Ratten, weitere zehn Prozent Fische, während Affen, Katzen und Hunde zusammen kein halbes Prozent ausmachen –, und sie sind missverstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen. Unseren Tieren geht es besser als vermutlich den meisten menschlichen Patienten auf der Welt.

Zweitens findet Tierquälerei andernorts in hundertfach größerem Maßstab statt, nämlich in der industriellen Fleischerzeugung. Das ist natürlich keine logische Rechtfertigung für Tierversuche. Aber es rückt die Dinge ins Verhältnis und warnt vor Doppelmoral. ...

Damit kommen wir zur Kernfrage: Brauchen wir Tierversuche überhaupt? Gegenfrage: Wer ist »wir«? Ein radikaler Tierschützer, der im Krankheitsfall auf jegliche apothekenpflichtigen Medikamente verzichtet, braucht sie vielleicht nicht. Aber ist das »wir«? ...

Und da gibt es zwei Gründe, warum wir Tierversuche brauchen. Beginnen wir mit der Standardantwort: für die medizinische Forschung. ...

Sterberate bei Krebserkrankungen stark rückläufig

Dank Tierversuchen ist die Sterberate bei Krebserkrankungen stark rückläufig. Der neueste Durchbruch ist die Immuntherapie, deren Entwicklung – an Mäusen – im vergangenen Herbst mit einem Nobelpreis belohnt wurde. Die Alzheimer- und die Parkinsonerkrankung beginnen wir dank tierexperimenteller Forschung mittlerweile zu verstehen – was die Voraussetzung dafür ist, Heilmethoden entwickeln zu können. ....

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Es sind die Farben, mit denen wir Gefühle am besten mitteilen können. Wir sehen Rot vor Wut und werden gelb vor Neid. Und das Glück strahlt. . Was ist die Farbe des Lebens selbst? ... /mehr

Alternativmethoden wie Zellkulturen bieten für den größten Teil solcher Forschung keinen Ersatz. Ihre Anwendung ist vorgeschrieben, wo immer sie möglich ist. Aber sehr oft ist sie das nicht. ...

Um Erkrankungen zu verstehen, müssen die komplexen Zusammenhänge im ganzen Körper untersucht werden. Dass Hirnerkrankungen wie Parkinson ihren Ursprung möglicherweise im Darm haben, hätte man nicht in einer Petrischale herausfinden können.

Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Vielleicht sogar der kleinere. Denn es ist gefährlich und falsch, Forschung nur unter dem Anwendungsaspekt zu beurteilen. Dann kommt man zu so absurden Einschätzungen wie die Gruppe »Ärzte gegen Tierversuche«, die auf ihrer Netzseite einen hoch angesehenen Neurobiologen mit dem giftigen Attribut »umstritten« belegt und seine Forschung für »wissenschaftlich wertlos« erklärt. Mit welcher Begründung? Weil sie keinen medizinischen Nutzen hat.

Fürwahr, den hat sie nicht. Den hatten auch Hodgkins und Huxleys Untersuchungen am Riesenaxon des Tintenfisches nicht, mit denen sie die Signalübertragung in Nervenzellen aufklärten. Auch die an Ratten gewonnenen Entdeckungen von John O’Keefe und dem Ehepaar Moser darüber, wie räumliche Orientierung im Gehirn bewerkstelligt wird (Nobelpreis 2014), sind medizinisch nutzlos. ...

Und nein: Es geht mir hier nicht um den Punkt, dass viele Erkenntnisse, die bei ihrer Entdeckung nutzlos waren, später eine Anwendung gefunden haben. Im Gegenteil: Diese Beispiele – und zahllose andere – zeigen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse unser Bild der Welt und damit unsere Kultur prägen. ...

Niemand macht Tierversuche gern. Wie ein weiser, alter Kollege mal sagte: Jemanden, der es gern macht, dürfte man es nicht machen lassen. Tierversuche kosten jeden Überwindung; und es macht auch mir keinen Spaß, Tiere aufzuschneiden und zu töten. Aber ich werde immer vehement mein Recht verteidigen, das zu tun. Weil dadurch unser Wissen, unsere Welt und letztlich unser Menschsein reicher werden.

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