Zur mobilen Webseite zurückkehren

Die Kraft der Begeisterung

von Doris Weber vom 18.08.2015
Die Titelgeschichte des neuen Publik-Forum Extra Leben widmet sich einer Energie, die Berge versetzt, Kreativität, Selbstvergessenheit und Hingabe schenkt. Voraussetzung ist aber auch ein Stück Selbstliebe
Wir dürfen schwach sein, wir dürfen versagen. Wir dürfen Fehler machen. Und dabei dürfen wir, kaum vorstellbar, auch noch von uns begeistert sein. Das alles gehört zur Lebenskunst (Foto: iStock/Photolyrik)
Wir dürfen schwach sein, wir dürfen versagen. Wir dürfen Fehler machen. Und dabei dürfen wir, kaum vorstellbar, auch noch von uns begeistert sein. Das alles gehört zur Lebenskunst (Foto: iStock/Photolyrik)

Meinen ersten Liebesbrief erhielt ich, als ich 17 war. Ich öffnete den Umschlag mit zitternden Händen und las den Brief bis zur letzten Zeile – die lautete: Ich liebe mich. Mein Freund hatte recht: Er liebte sich. Er strotzte nur so vor jugendlicher Selbstverliebtheit. Wenn er sein Spiegelbild erblickte, geriet er in Verzückung. Da geht es mir leider bis heute ganz anders. Der Anblick meines Spiegelbildes – vor allem am frühen Morgen – löst nur wenig Begeisterung in mir aus. Ach, könnte ich doch so verliebt sein in mich selbst wie mein Jugendfreund.

Falsch, klärt mich Wilhelm Schmid, der Philosoph der Lebenskunst, auf. Selbstverliebtheit ist nicht das Gleiche wie Selbstliebe. Selbstverliebte Menschen haben die Eigenart, sich nur mit sich selbst zu befassen und sich nicht für andere Menschen zu interessieren. Ein gewisses Maß an Selbstliebe benötigt zwar jeder Mensch, Wilhelm Schmid bevorzugt dafür jedoch das Wort Selbstfreundschaft. Zum Leben gehört es nun mal, sich mit sich selbst anzufreunden, sich selbst zu mögen. Denn wie soll ein Mensch sonst Krankheit, Altern, Gebrechlichkeit und seine vielen, vielen Unvollkommenheiten bewältigen? Sollen ihm immer nur die anderen seine Schwächen und Fehler verzeihen? Und was, wenn sie ihm diesen Liebesdienst verweigern?

Es bleibt uns doch gar nichts anderes übrig, als uns selbst zu lieben, wenn wir uns nicht hassen wollen. Wir dürfen schwach sein, wir dürfen versagen. Wir dürfen Fehler machen. Und dabei dürfen wir, kaum vorstellbar, auch noch von uns begeistert sein. Das alles gehört zur Lebenskunst. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, empfiehlt die Bibel. Müsste es nicht eigentlich heißen: Liebe dich selbst wie deinen Nächsten?

Die

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen