Leserbrief
Verschickungskinder
Ich begrüße als Vorsitzende des bundesweiten Vereins »Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung« – das ist der wissenschaftliche Begleitverein der ebenfalls bundesweiten »Initiative Verschickungskinder« – grundsätzlich die Rezension des Films »Schwarze Häuser« von Katrin Sikora. Ich habe aber einige Ergänzungen, die ich als Gründerin und Initiatorin der Bewegung der Verschickungskinder sowie als Wissenschaftlerin und Autorin, die sich seit dem Jahr 2004 mit diesem Thema beschäftigt, nachtragen möchte.
Es wird in der Rezension gesagt, es sei ein lukratives System gewesen. Jugendämter, Krankenkassen und Ärzte hätten Prämien pro Kind bekommen. Dafür gibt es keine Belege. Die Bade- und Hausärzte haben pro Kinderuntersuchung das reguläre Arzthonorar bekommen. Durch Aufsummierung, da manchmal bis zu 200 Kinder an einem Nachmittag »untersucht« wurden, konnte sich das zu einem erheblichen »Nebenverdienst« auswachsen. Von Prämien ist mir aber bisher kein einziger Fall bekannt. Es wird im Weiteren gesagt, dass viele der Menschen, die auf die Kinder losgelassen wurden, ehemals in KZs gearbeitet hätten. Auch dafür liegt mir nicht ein einziger Fall vor. Allerdings habe ich eine biografische Liste von 29 Funktionären der »Verschickungsindustrie« erstellt, Heimleiter und Badeärzte, von denen erschreckend viele eine NS-Funktionär-Vergangenheit hatten, aber keiner in einem KZ. Einige waren allerdings an Euthanasieverbrechen beteiligt. Es lohnt sicher, danach zu suchen, aber da hier die Rede von »vielen« ist, ist das eine ungeheure Aussage, die sachlich abgesichert belegt werden muss. Da diese Aussage als von der Bundesinitiative kommend bezeichnet wird, muss ich hier sehr klar richtigstellen, dies darf ohne nachprüfbare Belege nicht im Raum stehen bleiben!
Die Aussage: »Die Eltern wurden als Kinder selbst verprügelt und wollten das Leid ihrer Kinder nicht sehen«, könnte etwas differenzierter betrachtet werden. Ich habe mit zahlreichen Eltern gesprochen und wir haben sowohl in Betroffeneninterviews als auch in Elterninterviews gefunden, wie stark auch Eltern gelitten haben unter dem Druck, den Gesundheitsämter und Kinderärzte in diesem System aufgebaut haben. Es haben sich auch schon damals etliche Eltern beschwert, waren schockiert und erschüttert, wie ihre Kinder zurückkamen. Es ist klar, dass in einer kleinen Filmrezension das umfangreiche Thema der Kinderverschickungen nicht ausführlich erklärt werden kann. Näheres dazu auf der Website www.verschickungsheime.de. Anja Röhl, Berlin

