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Türkei: Lernt der Islam Freiheit?

Die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen jungen, westlich orientierten Großstadtbewohnern, oppositionellen türkischen Nationalisten und der Polizei im Dienste des islamisch-konservativen Regierungschefs Erdogan haben eine stark religiöse Komponente. Wer diese Streit-Dimension übersieht, wird den Konflikt nicht verstehen
von Thomas Seiterich vom 04.06.2013
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Taksim-Platz, Istanbul, in dieser Woche: Studentinnen und Studenten demonstrieren gegen Erdogans Politik. (Foto: pa/ap/Stavrakis)
Taksim-Platz, Istanbul, in dieser Woche: Studentinnen und Studenten demonstrieren gegen Erdogans Politik. (Foto: pa/ap/Stavrakis)

Wer fehlt in den Bürgerdemonstrationen, die derzeit in nahezu allen Mittel- und Großstädten der Türkischen Republik stattfinden? Die Kopftuchträgerinnen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogans frömmelnde Wählerschaft aus den wirtschaftlich aufstrebenden Städten und Dörfern Anatoliens, die ihren Glauben gerne öffentlich zeigt – sie bleibt zu Hause. Stattdessen ringen viele Religiöse um Fassung: Allzu lange hatte sich der islamische Teil der Nation auf Wahlergebnissen von erheblich über 50 Prozent ausgeruht.

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Zwischen den aufmüpfigen modernen Säkularen, kemalistisch-traditionellen Laizisten und den islamisch Frommen liegen Welten. Der Machtpolitiker Erdogan schürt den Streit. »Eine Million Muslime« droht er »auf die Straße« zu schicken »gegen hunderttausend Demonstranten«.

Der Streit entzündet sich am Istanbuler Taksim-Platz, einem höchst symbolischen Ort. Über den Taksim im Stadtteil Beyoglu eilen nicht nur täglich rund eine Million Großstadtmenschen. Der Taksim beherbergt auch ein Denkmal des laizistischen Staatsgründers der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, das Atatürk-Kulturzentrum sowie in seiner Mitte das 1928 errichtete Denkmal der Republik. Just dort will der islamische Machtpolitiker Erdogan eine Moschee errichten – als ob es in der 17-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul nicht schon übergenug islamische Gotteshäuser gäbe.

Erdogan, der im verfahrenen, kriegerischen Kurdenkonflikt vor Jahren noch maßvoll agierte und friedensorientierte Klugheit an den Tag legte, lässt es in den letzten Jahren am Respekt für die nichtislamischen Teile der Nation fehlen. In der Folge dieser überheblichen Machtpolitik wird die Türkei zusehends zu einem gespaltenen Land. Das innere Anatolien sowie das Land wählen Erdogans Partei, die islamische AKP. Die Tourismusregionen an der West- und Südküste sowie der dicht bevölkerte Großraum Istanbul bevorzugen freiheitliche, nichtfromme politische Kräfte wie zum Beispiel die kemalistische Oppositionspartei CHP.

Bürgerkriegsszenarien machen seit Jahren regelmäßig die Runde. Das Offizierskorps der überdimensionierten Armee gilt als kemalistisch und folglich laizistisch. In die Offiziersausbildung werden seit Jahrzehnten nur junge Bewerber übernommen, auf deren Großfamilienfoto kein einziger frommer Bartträger zu finden ist. Die Polizei dagegen hat Erdogan in den letzten zehn Jahren unterwandern und ideologisch umdrehen lassen, vermutlich auch mithilfe von Aktiven der islamischen Gülen-Bewegung. Im Ernstfall stünde Erdogans fromme Polizei gegen die bürgerkriegserfahrene Armee.

Lernt der türkische Islam Freiheit und Toleranz? Davon hängt der innere Friede und die Zukunft der Nation ab. Hierfür gibt es Chancen. Denn an den staatlichen Universitäten wird in theologischen Fakultäten teilweise ein aufgeklärter, für Kritik offener Islam gelehrt. Dasselbe gilt für die islamische Religionspädagogik in der Türkei. Sie ist von der evangelischen Religionspädagogik in Deutschland intensiv geprägt worden.

Was bisher fehlt, ist eine islamische Dialogkultur, die das unvoreingenommene, faire Gespräch mit den Nicht-Glaubenden sucht. Und eine islamische Ethik, die den Machtübermut Erdogans kritisiert und zugleich den konstruktiven Dialog anbietet.

Die von der islamischen AKP ins Werk gesetzte, erfolgreiche Wirtschaftspolitik hat im Schwellenland Türkei eine relativ breite Mittelschicht entstehen lassen. Aus dieser neuen Mittelschicht wenden sich nun viele von Erdogan ab, weil sein Politikstil zu autoritär, zu frömmelnd und zu altväterlich ist. In Ägypten und Tunesien, den Staaten der arabischen Bürgerrevolutionen, ist diese westlich orientierte, neue Mittelschicht prozentual viel kleiner als in der Türkei. Deshalb siegen dort die Islamisten. Doch auch in der Türkei bildet die westlich und säkular orientierte Opposition zahlenmäßig nur eine Minderheit, wenn auch eine viel größere als in Ägypten und Tunesien.

Deshalb kommt es auf den fairen Dialog an – auf sämtlichen Ebenen der Nation. Bereitschaft hierzu signalisiert der türkische Staatspräsident Abdullah Gül. Staatliche Gewalt jedenfalls eröffnet keinen Ausweg, weder für die Freiheitssehnsucht vieler säkularer Bürger, noch für den türkischen Islam, noch für die Wirtschaft oder für die viele Millionen Menschen zählende Jugend des Landes.

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich ist Publik-Forum-Redakteur. Die Türkei kennt er von mehreren Recherchereisen in dieses Land.
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