Trump erwartet die Krönung
Amokläufer. Tote Polizisten. Alltägliche Gewalt: Wer wünscht sich solche Schlagzeilen zum Auftakt seines Parteitags? Einer Veranstaltung, die »Team Trump« als »fabelhaftes politisches Entertainment« angekündigt hat? Als glamourösen Familienauftritt, der vielleicht noch skeptischen Amerikanern und dem fassungslosen Rest der Welt den ‘anderen’ Trump verkaufen soll? Den großzügigen Freund und liebevollen Familienvater, gut gekämmt, verträglich, kontrolliert, vernünftig, populär?
Doch Trump wäre nicht Trump, wenn er das für den Parteitag angesagte Wendemanöver tatsächlich befolgt hätte. So wie er vor zwei Wochen die 49 Toten von Orlando für seine Zwecke ausschlachtete, missbrauchte er jetzt auch die erschossenen Polizisten von Baton Rouge. »Wie viele Menschen müssen noch sterben, weil es unserem Land an Führungskraft mangelt?«, donnerte Trump via Facebook:»Wir verlangen Recht und Ordnung!«
Als Law-and-Order-Kandidat ging schon Richard Nixon auf Stimmenfang. Und tricky Dicks Karriere endete bekanntlich mit einem Amtsenthebungsverfahren. Donald Trump, sollte er im Herbst gegen Hillary Clinton tatsächlich gewinnen, ist ob seiner dokumentierten Lug-und-Trug-Persönlichkeitsmerkmale Ähnliches vorausgesagt worden. Aber aus der Quicken Sport Arena werden solche ketzerischen Töne nicht dringen, denn auch die 680 Anti-Trump-Delegierten haben inzwischen klein beigegeben. Nach einem bizarr niveaulosen,die Grand Old Party (GOP) fast ruinierenden Vorwahlkampf herrscht nun Ruhe im Karton. 50.000 nach Cleveland geeilte Republikaner scheinen bereit, zu vergeben und zu vergessen. Die zwischen grollender Basis und abgehobenen Washingtoner Bossen aufgerissenen Reihen soll eine rauschende Vier-Tage-Party wieder zusammen schweißen.
Team Trump zieht eine Show ab
An politischen Parteitagen hat sich Designer-Tochter Ivanka,Top Manager im Team Trump und des Vaters engste Vertraute, noch nie versucht. Aber sie denkt,das kriegt sie schon hin: »Wir wissen,wie man Conventions organisiert. Wir werden uns alle großartig amüsieren. Wir präsentieren eine großartige Kombination unserer großen Politiker, großen Geschäftsleute, Frauen und industriellen Führungskräfte. Wir haben Sportler und Trainer dabei, alles, was man sich so denken kann. Es wird Substanz haben, anders sein als die üblichen Politiker-Riegen.«
Anders in der Tat. Die großen Namen aus dem Box- und Tennissport – Serena Williams, Don King – wurden zwar wieder gestrichen,und an die 20 Senatoren sowie die Polit-Stars der Republikaner glänzen auch durch Abwesenheit. Aber dafür sind andere, die Trump’sche Umlaufbahn bevölkernde Celebrities nach Cleveland geeilt. Preisen werden »Amerikas nächsten Präsidenten Donald Trump« u.a. Eileen Collins, Amerikas pensionierte, erste Weltraum-Shuttle-Pilotin, der Manager von Trumps Weingut in Virginia, zwei Überlebende des (Hillary Clinton in die Schuhe geschobenen) Angriffs auf Benghazi, Antonio Sabato, Ex-Unterhosen Model der Marke Calvin Klein, sowie der New Yorker Rabbi, der Ivanka Trump zum Judentum bekehrt hat. Der geschwätzige Newt Gingrich, einer der beiden in der Endauswahl abgeblitzten Vizes, findet es genial, dass Trump seine Celebrity-Verbindungen genutzt hat, um ein breiteres Publikum zu erreichen: »Trump hat es begriffen«, meint Gingrich, »wenn er das Amerika der Konsumenten erreicht, hat das politische Amerika nichts zu melden.« Da ist was dran,aber seine fetten Sprüche dürften Gingrich den Vize-Job gekostet haben,denn rhetorische Konkurrenz kann Mr. Trump nicht gebrauchen.
Da lässt er sich für seine Nummer zwei lieber auf eine Establishmentfigur wie Mike Pence,den Gouverneur von Indiana, ein. Pence ist im Gegensatz zu Trump zwar ein Verfechter des Freihandels, er war auch Feuer und Flamme für den Krieg im Irak und nannte Trumps Forderung nach einem pauschalen Einreiseverbot für Muslims »anstößig und verfassungswidrig«, doch all das ist nun Schnee von gestern.
Gouverneur Pence garantiert die Evangelikalen
Seinen Vizepräsidenenten sähe er in der Rolle des »attack dog«, ließ Trump sich bei der Suche nach seinem Stellvertreter vernehmen. Damit wird Mike Pence kein Problem haben. Der 57-Jährige galt in seinen zwölf Jahren als Kongressabgeordneter in Washington zwar als zurückhaltend, reflektiert, intellektuell ambitioniert und alles andere als eine schillernde Figur, doch seine Selbstbeschreibung – ein Christ, ein Konservativer, ein Republikaner – lässt ahnen,was der strenggläubige Tea-Party-Freund im Gepäck hat.
Als Gouverneur von Indiana profilierte Pence sich vor allem als unverdrossener Sittenwächter. Er unterzeichnete nicht nur die schärfsten Abtreibungsrestriktionen, sondern drückte auch ein Gesetz durch,das unter dem Vorwand religiöser Überzeugung ausdrücklich erlaubt, Homosexuelle zu diskriminieren. Nationale Empörung und kostspielige Boykottaktionen zwangen Pence schließlich zum Rückzug. Seine Wiederwahl zum Gouverneur war keineswegs gesichert, doch diese Sorge ist er jetzt los. Donald Trump will Pence als Brückenbauer einsetzen. Der Erzkonservative soll das wackelige Verhältnis zum Washingtoner Establishment festigen und, mindestens genau so wichtig,die Stimmen der Evangelikalen garantieren. Dafür ist der christliche Hardliner genau der richtige Mann.
