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Amirs Traum (2)

Er ist Anfang 20. Er kommt aus Syrien. Und er hat eine Flucht überstanden, die sich für immer in sein Gedächtnis eingegraben hat. Doch in seiner Unterkunft in Bayern gibt es Tage, die sind für ihn beinahe ebenso schlimm, wie das, was er schon erlebt hat. Die Flüchtlinge streiten, hassen, erniedrigen sich: »Manche sind betrunken. Sie kämpfen, schlagen, haben Messer.« Doch Amir hat eine große Hoffnung, die ihn alles aushalten lässt: Eines Tages will er in Deutschland studieren. Er will Ingenieur werden, ein gutes Leben führen ...
von Lea-Verena Meingast vom 25.05.2015
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Amir, ins Studium seiner Bücher vertieft: Deutsch zu lernen ist im Augenblick einer seiner wichtigsten Jobs. (Foto:Lea-Verena Meingast)
Amir, ins Studium seiner Bücher vertieft: Deutsch zu lernen ist im Augenblick einer seiner wichtigsten Jobs. (Foto:Lea-Verena Meingast)

Amir* ist aus Syrien geflüchtet. Als er nach langer Flucht aus seiner Heimat endlich bei seinem Bruder in Berlin ankommt, kann er dort nicht bleiben. Ein Beamter vom Landratsamt schickt ihn weiter ins Erstaufnahmelager im bayerischen Zirndorf. Für Amir beginnt dort eine schwierige Zeit: »Ich wollte nicht im Camp bleiben, bin oft spazieren gegangen.« Alles ist so ungastlich, dauernd gibt es Konflikte im Lager. Mit wem kann man darüber reden? Amir findet niemanden, dem er vertrauen kann, dem er seine Geschichte erzählen will: »Ich wollte noch nicht mal mit Familie telefonieren. Die sollten nicht wissen, wie schlecht es mir geht.«

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Er teilt sich sein Zimmer mit acht anderen Menschen. Der Streit unter den Flüchtlingen ist alltäglich: Viele Menschen leben hier, aus dem Kosovo, aus Georgien, dem Maghreb: »Manche sind betrunken. Sie kämpfen, schlagen, haben Messer.« Oft kommt die Polizei, auch in der Nacht. Selten kann Amir in Ruhe schlafen. »In Syrien gibt es schon viel Krieg, nicht hier auch noch«, wünscht er sich. »Ich bin froh, wenn dann ein Transfer kommt«, sagt er. Was heißt, dass manche Leute in andere Unterkünfte verlegt werden.

Viele Flüchtlinge rauchen. Wenn Amir der Rauch stört, geht er nach draußen. Er denkt viel an seine Zukunft, hofft auf gute Zeiten. Die anderen Flüchtlinge sagen ihm immer wieder, er müsse geduldig sein.

Bis dahin muss er sich an den Alltag im Lager anpassen. Die Essenszeiten sind genau festgelegt, für alle gleich. Die Flüchtlinge gehen entlang der Theke, um ihre Mahlzeit zu empfangen, überwacht von Security. Die hygienischen Zustände könnten besser sein. »Die Duschen sind sehr schmutzig. Selbst wenn eine Frau zum Putzen da war, ist nach 30 Minuten wieder alles schmutzig«, sagt Amir resigniert. Fühlt er sich noch wie ein Mensch? Oder eher wie ein Tier in der Herde? Nur, dass die Herde hier keinen Halt gibt?

Manchmal erlebt Amir auch schöne Momente. Er spielt Fußball und Tischtennis oder Karten mit anderen Flüchtlingen: »Es macht Spaß mit den Leuten. Wir machen auch Witze. Ich will, dass gute Stimmung ist. Ich freue mich, wenn ich Witze mache und die Leute ihre schlechten Gedanken vergessen.«

Oft ist ihm langweilig, das Warten ist anstrengend, obwohl er versucht, geduldig zu sein. Als ein Mann erzählt, dass ab jetzt jeden Montag in der Kirche Deutsch-Unterricht angeboten wird, ist er voller Vorfreude. »Ich war ungeduldig, den ganzen Tag.« Seine Sprache zu verbessern, ist sein oberstes Ziel. Denn er will in Deutschland leben, eine Arbeit finden, eine Zukunft aufbauen. Der Unterricht macht ihm Spaß, er hat das Gefühl, die Zeit läuft schneller. Mit seinem Handy und Kopfhörern lauscht er deutschen Sätzen aus dem Internet, er liest auf Deutsch, übt das Schreiben und versucht viel zu lernen. Sein großer Traum: in Deutschland Ingenieurwissenschaften zu studieren.

Sein Traum wird zerplatzen. Doch davon weiß Amir zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Er glaubt daran, dass er viel schaffen kann. Der Deutschkurs gibt ihm Kraft und Mut. Sein Optimismus scheint unbändig zu sein. Er fiebert einem ganz bestimmten Tag entgegen: seiner Anhörung. Bald wird sich entscheiden, ob er in Deutschland bleiben darf ...

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Personalaudioinformationstext:   * Was Amir, dessen wahren Namen wir verschweigen, um ihn nicht zu gefährden, als Flüchtling in Deutschland erlebt, lesen Sie in diesem Tagebuch. Wie es weitergeht, erfahren sie schon bald.
Lea-Verena Meingast ( @Lea_Meingast), Autorin der Texte, ist Studentin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie belegt den Masterstudiengang »Medien-Ethik-Religion«.
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