Amirs Traum (8)
Amir, Anfang 20, hat sich in Bayern eingelebt. Er hat ein WG-Zimmer in Erlangen, besucht einen Deutschkurs und arbeitet in einem Imbiss. Für seinen großen Traum, Ingenieurwesen zu studieren, büffelt er fleißig in seinem Deutschkurs. Dreißig Wörter lernt er pro Lektion im Unterricht. Er denkt: »Ich kann sehr schnell lernen, wenn ich will.« Das macht ihn glücklich.
An der Arbeit versucht er, so oft es geht mit Kunden zu sprechen. Kann man im Pizza-Döner-Imbiss sein Deutsch verbessern? Amir findet: Das geht! Gut sogar! Er freut sich, wenn er im Gespräch mehr und mehr über Deutschland, dessen Kultur und Menschen erfährt. Inzwischen hat er auch gut gelernt, Pizza und Döner zu machen. Nach der Arbeit bleibt er manchmal länger, um sich noch mit dem Chef zu unterhalten.
Unterdessen hat ihm seine Familie aus Syrien Unterlagen über seine Ausbildung geschickt. Nach dem Fachabi hat er sich zwei Jahre lang an einem technischen Industrie-Institut zum Elektroniker ausbilden lassen. In Syrien hat er anschließend in einer Firma gearbeitet, bevor er aus dem Land flüchtete. »Das war eine gute Stelle«, sagt er. Nun würde er gerne in Deutschland die Uni besuchen, um sich hier eine gute Zukunft aufzubauen.
Aber es kommt anders: Er bekommt einen Brief von der Zeugnisanerkennungsstelle. Darin steht, dass er nicht studieren darf. Der Grund: Seine Ausbildung in Syrien entspricht nur der Mittleren Reife, nicht dem deutschen Abitur. Er müsse zuerst das Abitur nachholen, wenn er an einer deutschen Uni studieren wolle, heißt es in dem Brief.
Amir will nicht glauben, dass sein Traum zerplatzt ist. Das kann doch alles nicht wahr sein! Er überlegt, welche Möglichkeiten er hat, um das Blatt doch noch zu wenden. Er ist ein Kämpfer, so schnell gibt er nicht auf. Deshalb zeigt er seiner Lehrerin den Brief. Kann sie ihm sagen, was er jetzt tun soll?
Sie hat keine guten Nachrichten für ihn: Er müsse mehrere Deutschkurse besuchen, um das Sprachniveau C2 zu erreichen – Voraussetzung für alle weiteren Schritte. Danach bliebe nichts anderes übrig, als für zwei Jahre nach Hessen oder Hamburg zu ziehen, um dort das deutsche Abitur zu machen.
Wieder so lange auf etwas hinarbeiten? Noch jahrelang geduldig bleiben? Wieder eine neue Wohnung suchen, in einer Stadt, in der er niemanden kennt? Wieder bei Null anfangen, obwohl er schon so viel gekämpft hat?
Schließlich hat er schon mehrere Stationen hinter sich: Bei seinem Bruder in Berlin durfte er nicht bleiben. Dann kam die Gemeinschaftsunterkunft in Zirndorf, der Gasthof in Wachenroth, nun das Zimmer in Erlangen. Und er hat doch so lange nach einer bezahlbaren Wohnmöglichkeit gesucht! Endlich hatte er das Gefühl, an einem Ort Freunde zu finden, Fuß zu fassen.
Hat er überhaupt noch genug Kraft und Motivation, um weiterzukämpfen? Amir weiß es nicht. Er ist ratlos.
Lea-Verena Meingast ( @Lea_Meingast), Autorin der Texte, ist Studentin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie belegt den Masterstudiengang »Medien-Ethik-Religion«.
