Amirs Traum (7)
Aktuell kann Amir * nur an eines denken: Wann kommt die lang ersehnte Nachricht von seiner Familie?
Vormittags besucht er mit 15 Ausländern den Integrationskurs, der ihm Spaß macht. Er ist schon viel selbstbewusster, weil er jetzt im Unterschied zu seiner Zeit in der Gemeinschaftsunterkunft eigenständiger und selbstbestimmter lebt.
Auch eine Arbeit hätte er gerne. In Erlangen kennt er einen Pizza-Döner-Imbiss vom Sehen. Er ist mutig, geht einfach hinein und fragt, ob der Besitzer nicht Arbeit für ihn hat. Am liebsten will er als Kellner arbeiten, um Kontakt mit Kunden zu haben und so auch sein Deutsch zu verbessern. Der Besitzer ist nicht abgeneigt, braucht aber keinen Kellner, sondern jemanden für die Küche. Das ist Amir auch recht. Hauptsache, er kann etwas tun! Er arbeitet zur Probe und bekommt danach die Zusage, dass er in der Küche ab und an eingesetzt werden kann. So arbeitet Amir, wenn Not am Mann ist und wäscht Teller ab.
Amir betet in der Moschee. Aber er besucht auch die Kirche
Als er im kleinen Markt Wachenroth lebte, ging er sonntags in die Kirche, um zu sehen, wie in Deutschland gebetet wird. In Erlangen kann er in einer Moschee beten. Er geht freitags hin und freut sich über die Gemeinschaft. Rund zweihundert Menschen kommen zum Beten her.
Ihm ist aufgefallen, dass manche Menschen in Bayern Muslimen skeptisch gegenüber stehen. Viele wissen nicht, was der Islam ist und fragen ihn danach. »Mein Deutsch ist noch nicht gut genug, damit ich das gut erklären kann«, sagt Amir.
Er wünscht sich, dass die Menschen verstehen, dass die Mehrheit der Muslime friedlich ist. »Ich weiß nicht, was Muslime hier gemacht haben, dass manche ein schlechtes Bild haben. Alle Muslime, die ich kenne, sind hier, weil sie sich ein gutes Leben aufbauen möchten und wollen nichts Böses«, sagt Amir.
Er ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Seit er hier ist, hat er sich Mühe gegeben, sich zu integrieren. Er will die Kultur kennenlernen, weil er weiß, dass er in diesem Land – anders als in Syrien – eine Zukunft haben kann. »Ich bin so dankbar für alles Gute, das ich hier schon erlebt habe«, sagt er.
Amirs Traum ist es, in Deutschland zu studieren. Er besucht den Integrationskurs, um richtig Deutsch zu lernen, damit er an der Uni zurechtkommen kann. Er ist sehr motiviert. Nur aktuell kann er sich im Unterricht manchmal nicht richtig konzentrieren. Er wartet auf eine ganz bestimmte Nachricht. Seine Familie erwartet nämlich Nachwuchs – jeden Tag könnte es jetzt so weit sein.
Diese Familie ist groß. Ein Bruder und noch ein Verwandter leben in Berlin, aber der Rest der Familie konnte nicht fliehen und lebt noch in Syrien, wo Bürgerkrieg herrscht. Oft macht sich Amir Sorgen. Manchmal hat seine Familie nur wenige Stunden am Tag Strom zur Verfügung. Da kann es schon sein, dass die Nachricht nicht gleich ankommt.
Als es so weit ist, ist er voller Freude. Er schreibt mir eine Nachricht und schickt ein Foto. So sehr er sich freut, dass mit der Geburt alles gut gegangen ist, so sehr ist ihm jetzt noch bewusster, wie weit weg er von seiner eigenen Familie ist, die ihm jeden Tag fehlt. Und ihm ist bewusst, dass es sein kann, dass er sie so schnell nicht wiedersieht.
Als ich ihn das nächste Mal treffe, erzählt er, wie es dem Kind inzwischen geht und wie sehr sich alle freuen. Dann sagt er: »Wann werde ich das Kind wohl zum ersten Mal sehen? Vielleicht erst, wenn es zehn Jahre alt ist oder noch älter.«
Lea-Verena Meingast ( @Lea_Meingast), Autorin der Texte, ist Studentin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie belegt den Masterstudiengang »Medien-Ethik-Religion«.
