Amirs Traum (4)
Amir* hat schon Einiges hinter sich gebracht: Er ist mit Anfang zwanzig aus Syrien geflohen, hat fünf Monate in Ägypten gelebt, ist mit falschen Papieren nach Rom geflogen, von dort aus ging es nach Berlin zu seinem Bruder. Doch dort durfte er nicht bleiben, musste ins bayerische Zirndorf. Nach fünf Monaten im Flüchtlingsheim sieht er endlich einen Hoffnungsschimmer am Horizont: Es soll jetzt weitergehen in den kleinen Markt Wachenroth. Auf einem Aushang in der Flüchtlingsunterkunft steht, wo er und sechs weitere Flüchtlinge hin müssen.
Ihr neues Zuhause ist ein Gasthof. Der Besitzer vermietet freie Zimmer an Flüchtlinge. »Es ist so ein Glück, so toll hier«, schwärmt Amir. Ein schönes Zimmer, dreimal am Tag gutes Essen. Die Menschen sind nett – Amir fühlt sich willkommen und gut aufgenommen. Er ist froh, nach nicht so leichten Zeiten in der Gemeinschaftsunterkunft.
Er kann in Wachenroth auch einen Deutschkurs besuchen, um seinem Ziel, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen, näherzukommen. Drei Tage pro Woche unterrichten zwei Frauen die Flüchtlinge: Angie und Petra. Sie helfen auch, wenn jemand krank ist, oder wenn Briefe oder Bescheide ankommen und die Flüchtlinge nicht verstehen, was darin steht.
Amir lernt in Wachenroth viele deutsche Leute kennen. »Die Menschen sind so nett«, sagt er. Er liebt es, mit ihnen in Kontakt zu kommen, ihre Kultur kennenzulernen, er möchte hier Freunde finden.
Wie ist wohl die Religion der Menschen in Deutschland? Das fragt er sich schon seit einiger Zeit. In Syrien ging Amir jeden Freitag in die Moschee. Seit er geflohen ist, betet er meist für sich alleine. Die Wachenrother laden die Flüchtlinge ein, sonntags in die katholische Kirche zu kommen. Amir ist gespannt und neugierig. Nach seinem ersten Besuch des Gottesdienstes stellt er fest: »Das war schön und interessant zu sehen.« Nun geht er häufiger sonntags in die Kirche; er mag das Gefühl der Gemeinschaft.
Im Gasthof wohnen einige syrische Flüchtlinge. Gemeinsam fasten sie im Ramadan. Der Hotelchef unterstützt sie dabei. »Um drei Uhr nachts hat er extra für uns die Küche aufgemacht«, erzählt Amir.
Frohe Tage sind es für ihn. Doch im Hinterkopf hat er immer wieder den Gedanken an die Anhörung und seine Zukunft. Er wartet auf den Bescheid, der ihm hoffentlich versichert, dass er bleiben darf.
Nach fünfundzwanzig Tagen kommt der lang ersehnte Brief an. Auf Deutsch und auf Arabisch steht da: Er darf bleiben, drei Jahre lang. »Ich bin so froh, so froh! Endlich steht fest, dass ich bleiben darf«, sagt er. Er hat das Gefühl, seinem Traum von einem guten Leben in Deutschland immer näher zu kommen. Vielleicht wird er schon bald Ingenieurwesen studieren können? Er sehnt sich nach dieser Herausforderung.
Der Traum scheint nah, ist aber doch noch fern. Denn die Bürokratie geht weiter: Wenn er hier arbeiten oder studieren will, muss sein Deutsch besser werden und er muss einen neuen Antrag stellen. Aber das soll ihn nicht aufhalten, denkt er. Er ist schließlich motiviert. Die ersten Erfolge beflügeln ihn. Er fühlt sich besser, weil sein Deutsch langsam besser wird: »Wenn man will, kann man schnell lernen.« Doch noch stehen Hürden auf seiner Lebensbahn, die er nicht sieht ...
Lea-Verena Meingast ( @Lea_Meingast), Autorin der Texte, ist Studentin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie belegt den Masterstudiengang »Medien-Ethik-Religion«.
