Endstation Sehnsucht
Langsam gleitet die Yacht in den Hafen von Niendorf, einem kleinen Städtchen an der Ostseeküste in der Nähe von Lübeck. Die Menschen, die über die kurze Gangway der Positano zurück an Land gehen, werden von der Kapitänin mit der schwarzen Schleife im blonden Haar per Handschlag verabschiedet. Die meisten der Passagiere sind dunkel gekleidet; manche tragen gischtfeste Mäntel. Der Ernst, der über dem Abschied schwebt, macht deutlich: Diese Seefahrt war nicht lustig.
»Meine Passagiere haben stets einen lieben Menschen zur letzten Ruhe geleitet«, sagt Kapitänin zur See Claudia Belis, die seit 1984 als Seebestatterin arbeitet. Anfangs waren es nur zwei Bestattungen im Monat. Jetzt fährt Claudia Belis jeden Tag mehrmals aufs Meer hinaus, bis sie die Drei-Meilen-Zone hinter sich gelassen hat. Die schwarze Schleife im Haar sei das einzige äußerliche Zugeständnis, das sie an ihren Beruf mache, sagt die Kapitänin; die dunkle Uniform sei ohnehin seemännische Pflicht. Auch laufe die Positano in ganz normaler Geschwindigkeit und in nicht allzu gemessenem Tempo wieder in den Hafen ein.
Dennoch weckt die Szenerie des heimkehrenden Schiffs ein archetypisches Bild: das des Flusses Styx aus der griechischen Mythologie, über den der Fährmann Charon die Toten in das Jenseits geleitet. Man kann auch an das berühmte Bild der »Toteninsel« von Arnold Böcklin denken. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Positano läuft keine Insel und kein Jenseits an. Die Urnen werden schlicht in der See versenkt. Sie müssen sich nach amtlicher Vorschrift binnen acht Stunden komplett auflösen und damit ihren Inhalt dem Meer überantworten.
Auch wenn die Urne über felsigem Grund versenkt werden muss (damit sie nicht doch noch an Land gespült werden kann) und über dem Seefriedhof strengstes Fischereiverbot herrscht – das Sprachbild der »letzten Ruhe« passt hier nicht. »Hinter manchen Seebestattungen steckt bewusst der Gedanke, sich mit der Natur zu vereinigen und in alle Weltmeere aufzulösen«, weiß Claudia Belis: »Alles Leben kommt aus dem Wasser und will dorthin zurück.« Solch naturreligiöses Gedankengut schließt eine Seebestattung mit christlichem Trauergottesdienst und zugesprochener Auferstehungshoffnung nicht aus. Und doch: Anonymer als das Auflösen der Asche eines Verstorbenen im unendlichen Meer kann eine Bestattung nicht sein.
Vom Reihenhaus ins Reihengrab: Das war einmal
»Der Trend zur anonymen Bestattung hat stetig zugenommen«, konstatiert Norbert Fischer. Der Volkskundler und Kulturanthropologe an der Universität Hamburg beobachtet die Entwicklungen im Bestattungswesen seit zwei Jahrzehnten und stellt zwei sich scheinbar widersprechende Tendenzen fest: namenlose Gemeinschaftsgräber auf der einen und betonte Individualisierung auf der anderen Seite. Denn mit der nachlassenden Bindung der Menschen an kirchliche Traditionen seien auch die Bestattungsvorschriften gelockert und liberalisiert worden. Es gäbe neue Möglichkeiten, Trauer auszudrücken – innerhalb und außerhalb des Friedhofs.
Claudia Belis ist also schon lange kein bunter Vogel mehr in der Welt der Trauernden und ihrer Begleiter. Warum Heinrich von der Decken unter Bäume zur letzten Ruhe bettet, Annette Foshag zum rettenden Anker für Menschen aus ganz Norddeutschland wird und Georg Bergner nichts von anonymen Bestattungen hält, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Publik-Forum (21/2013). Im Fokus: Der radikale Wandel der Trauerkultur in Deutschland.
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