Wir werden uns alle wiedersehen
Mein Geburtstag ist der 30. Mai. Als ich ein Kind war, gab es einen populären Schlager, auf den ich immer wieder neckisch hingewiesen wurde: »Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang …« Es war in den 1950er-Jahren ein humorvolles Marschlied, geboren aus der Erleichterung, dass der Zweite Weltkrieg vorbei war und das Leben endlich wieder eine Zukunft hatte. Mich als Kind ärgerte das Lied damals maßlos. In meiner kindlichen, selbstbewussten Fantasie war ich überzeugt: Das Lied sollte mir zu Ehren sein! Es sollte fröhlich verkünden, dass die Welt durch meine Geburt ein Stück lebenswerter geworden ist, und nicht vom Weltuntergang singen. Tod und Weltuntergang ließen mich damals völlig unberührt. Der Tod hatte für mich keinen Schrecken – und das ist bis heute so geblieben. Ich bin tief gewiss: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Wenn sich das Tor zum Jenseits irgendwann für mich öffnet, möchte ich mich freuen wie über ein überraschendes, kostbares Geburtstagsgeschenk. Es muss ja nicht unbedingt an einem 30. Mai sein.
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Ursula Richter ist Soziologin und Schriftstellerin und lebt bei Freising. Viele Jahre arbeitete sie als Hochschullehrerin in Japan und China. In ihren Büchern widmet sie sich hauptsächlich dem Thema Frau und Gesellschaft.

