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Im Zeugnis auf Abwegen

von Sebastian Balcerowski 22.11.2014
Manchmal sind kleine Wörter von großer Bedeutung. Zum Beispiel in Arbeitszeugnissen. Der Fall der erfolglosen Klage einer Arbeitnehmerin, die sich zu schlecht bewertet sah, machte bundesweit Schlagzeilen. Wohlwollen oder Wahrheit? Die Formelsprache der Zeugnisse jongliert mit beidem – und wird dabei unwahrhaftig. Oft zum Nachteil der Arbeitnehmer. Was wäre menschlich? Und was würdig?
Hilfe, ein Arbeitszeugnis! Was steht drin? Und was sagt es wirklich? Oft hat der Inhalt mit Wahrhaftigkeit wenig zu tun. (Foto: pa/Büttner)
Hilfe, ein Arbeitszeugnis! Was steht drin? Und was sagt es wirklich? Oft hat der Inhalt mit Wahrhaftigkeit wenig zu tun. (Foto: pa/Büttner)

Kürzlich beschäftigte sich das Bundesarbeitsgericht in Erfurt mit der Klage einer Empfangsdame einer Zahnarztpraxis. Die Klägerin wollte ihre Arbeit mit der Note »zwei« und nicht mit der Note »drei« bewertet sehen. Ihre Überzeugung: Sie habe nicht zur »vollen Zufriedenheit«, sondern »stets zur vollen Zufriedenheit« ihres Arbeitgebers gearbeitet. Das Gericht aber entschied, die Arbeitnehmerin müsse beweisen, dass ihr eine überdurchschnittliche Note zustehe. Solange sie das nicht tue (und wie könnte sie das?), bleibe das Zeugnis so, wie es ist.

Das kleine Wort »stets« macht in diesem Fall den Unterschied, ob eine Leistung durchschnittlich oder überdurchschnittlich bewertet wird. Georg Schulz, Fachanwalt für Arbeitsrecht, sagt dazu, Arbeitszeugnisse benutzten »eine Geheimsprache«. Sie bestehe darin, durch die Blume etwas auszudrücken, was für den betroffenen Arbeitnehmer vielleicht positiv klinge, aber in den Augen des Personalers eine Abwertung darstelle.

Und so sieht die Geheimsprache dann im Detail aus: Die Steigerung »stets zur vollsten Zufriedenheit« steht in Zeugnissen für die Note eins. Wenn ein Arbeitnehmer »im Großen und Ganzen« die Aufgaben zur Zufriedenheit erledigt hat, ist seine Leistung nur noch ausreichend zu bewerten. Hat er »Erwartungen größtenteils erfüllt«, ist sein Arbeitseinsatz mangelhaft. Und ein »Bemühen, die Erwartungen zu erfüllen«, entspricht der Note sechs.

Wohlwollen oder Wahrheit? Darauf gibt eine Formel keine Antwort

Die Rechtssprechung verlangt von der Zeugnissprache sowohl Wahrheit als auch Wohlwollen. Die Geheimsprache der Zeugnisse versucht diesen Spagat, ist aber unaufrichtig – und daher zu kritisieren. An die Stelle von Wahrheit und Wohlwollen sollte der Wert der Wahrhaftigkeit treten. Es ist nämlich nicht wahrhaftig, wenn etwas positiv klingt, aber eigentlich abwertend gemeint ist.

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Wie aber wäre eine wahrhaftige Zeugnissprache, die gleichzeitig menschenwürdig ist? Sie würde den ganz konkreten Menschen in den Blick nehmen. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer – Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, selbst bereit, seine Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit mit dem Leben zu bezahlen – zeigte einmal an einem Beispiel, was konkrete Wahrhaftigkeit ist: Wenn ein Lehrer einen Schüler vor der Klasse fragen würde, ob dessen Vater alkoholabhängig sei, dann, so Bonhoeffer, sei es keine Lüge, wenn der Schüler entgegen der Wahrheit mit »Nein« antworte. Denn die Lehrkraft sei in diesem Fall in das Private des Schülers eingedrungen. Der Schüler bestätige zwar nicht das Faktum der Alkoholabhängigkeit des Vaters, sei aber wahrhaftig, indem er ihn nicht bloßstelle und seine liebende Sohn-Beziehung zum Vater nicht aufgebe. Das Wahrhaftige zeige sich genau daran, nicht aus einem Prinzip zu handeln, sondern mit wertschätzendem Blick auf einen ganz konkreten Menschen.

Was hieße das nun für ein konkretes Zeugnis? Es würde konstruktiv formulieren und von den Möglichkeiten des einzelnen Menschen ausgehen. Eine gute Bewertung würde fragen, inwieweit diese konkreten, menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Nur ohne Formelsprache (oder wenigstens mit möglichst wenig davon) ist ein solches Zeugnis denkbar. Es würde zeigen, dass sich der Schreiber wirklich und wahrhaftig mit jenem beschäftigt hat, dem er das Zeugnis ausstellt.

Das allerdings setzt ein grundlegendes Umdenken voraus: Ohne wertschätzenden Blick auf die Möglichkeiten des Anderen kommt eine solche Arbeitsexpertise nämlich nicht zustande. Dann bleibt es bei uninteressierter Formelsprache. Wahrhaftig ist sie nicht. Menschenwürdig aber leider auch nicht.

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