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Konnte Jesus auf dem Wasser gehen?

von Eva-Maria Lerch vom 06.06.2015
Kaum zu glauben, aber wahr: Der Kirchentag in Stuttgart diskutiert die Grundlagen wissenschaftlicher Bibelauslegung neu. Die Menschen strömen in Massen zu diesen Podien und Workshops. Sie wollen wissen, was stimmt. Und was nicht. Konnte der Herr Tote auferwecken? Und war Maria Jungfrau, als sie ihn gebar? ...
»... damit wir klug werden«: Die Losung des Evangelischen Kirchentags immer im Kopf, schreibt die Redaktion für Sie ein Tagebuch aus Stuttgart. Schauen Sie auf www.publik-forum.de bis zum 7. Juni täglich vorbei! (Foto: pa/dpa/Daniel Naupold)
»... damit wir klug werden«: Die Losung des Evangelischen Kirchentags immer im Kopf, schreibt die Redaktion für Sie ein Tagebuch aus Stuttgart. Schauen Sie auf www.publik-forum.de bis zum 7. Juni täglich vorbei! (Foto: pa/dpa/Daniel Naupold)

Fragen wie diese stehen im Raum, als der Kirchentag im Stuttgarter Hospitalhof über »Bibel. Fundament. Fundamentalismus« diskutiert. Schon lange vorher ist die Halle überfüllt, die Zuhörer hängen an den Lippen der Theologen, die oben auf der Bühne über ihr Verständnis der Bibel sprechen.

Nein, sagt der Stuttgarter Theologe und Pfarrer Christoph Dinkel, Jesus konnte nicht auf dem Wasser gehen. Die Erzählung von seinem Gang auf dem See sei metaphorisch zu verstehen. Er habe auch keine Menschen auferweckt, die schon tot waren: »Wir glauben nicht an Zombies.« Die biblischen Geschichten von den Totenerweckungen verdeutlichten vielmehr, dass Jesus das Leben gesehen und geweckt habe, wo andere nur noch den Tod sahen. Und genauso erkläre er das auch seinen Konfirmanden.

Was ist denn hier los? Warum werden auf diesem Kirchentag plötzlich wieder Fragen diskutiert, die die theologische Wissenschaft doch längst gelöst zu haben schien?

Die Frage nach der Auslegung der Bibel, ob sie nun wortwörtlich oder bildlich zu verstehen sei, gehört überraschend zu den großen Themen, die hier in Stuttgart verhandelt werden. Drei unterschiedlich besetzte Podien widmen sich dem »Streit um die Bibel«. Und tatsächlich scheint sich das Selbstverständnis des Protestantismus in der modernen Welt an eben dieser Frage zu entscheiden. Denn einerseits gilt die Schrift in der Kirche der Reformation als alleinige Grundlage des Glaubens: »Sola scriptura.« Auf der anderen Seite sieht sich die evangelische Kirche mehr als andere Konfessionen in der Pflicht, diesen Glauben vor der modernen Gesellschaft und auf Augenhöhe mit der Wissenschaft zu verantworten.

Zugleich aber wachsen die Anfragen durch den Fundamentalismus, der nicht nur aus der islamischen Welt, sondern auch aus dem pietistischen Umfeld und den wachsenden Freikirchen in die evangelische Kirche hineinwirkt. Die historisch-kritische Auslegung, die an jeder theologischen Fakultät Deutschlands selbstverständlich gelehrt wird, steht damit erneut unter Rechtfertigungsdruck.

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Gerade weil die Religion an Einfluss verliert und die Welt immer pluralistischer wird, scheint die Sehnsucht nach einfachen Regeln und Bestimmungen, nach einer unangreifbaren biblischen Autorität zu wachsen. »Wenn alles nur noch metaphorisch und symbolisch ist«, fragt die Moderatorin beim Podium im Hospitalhof, »was gibt mir dann noch Halt?«

Die Antwort der Bibel, das wird hier auf dem Podium deutlich, ist nicht so eindeutig, wie die Sehnsucht nach festen Fundamenten sich das vielleicht wünscht. Sie vermittelt sich nur im Prozess, im intensiven wissenschaftlichen und persönlichen Ringen mit ihren Texten.

Einen anderen Weg aber gibt es nicht, sagt Pfarrer Dinkel. »Wenn wir uns rausreden, verdunkeln wir die Schrift. Dabei wollen wir doch Licht sein.«

Und der Theologe Heinzpeter Hempelmann aus Schömberg, der sich selbst aus dem engen Bibelverständnis einer fundamentalistischen Freikirche befreit hat, erklärt: »Wir können gar nicht komplex genug sein, wenn wir Menschen mit dem Evangelium erreichen wollen.« Die Debatte über das Bibelverständnis im Protestantismus scheint damit neu eröffnet.

Kommentare
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Hans-E. Korth
27.06.201509:17
Historisch-kritisch – aber bitte richtig!
Heute am 27.6. wird der Hl. 7 Schläfer gedacht – des größten aller Wunder Gottes. Zweifel daran war einst todwürdige Ketzerei.
Laut Koran (!) schliefen sie 309 Jahre (hier wurden AD- und SE-Jahre gleichgesetzt).
Damit erscheinen Christenverfolger Dezius (†250) und seine Vorgänger 3 Jhe. früher!
Deshalb lässt sich kein einziges Datum der Antike verifizieren. Oder kennen Sie eines?

Theologen müsste der Widerspruch zwischen Predigt und 'Wissen' zerreißen! Ihr 'Wissen' fußt dabei auf dem Glauben – an die Jahreszahlen der Historiker.
Aber kein Problem, solange man nicht darüber nachdenkt...
Das erklärt, warum jede Kommunikation über die Chronologie verweigert wird, deren Richtigstellung den Wsp. auflösen und die historische Stimmigkeit des NT belegen würde!
1610 schrieb Galileo einen Brief an Kepler, in dem er beklagte, dass Gelehrte den Blick durch sein Teleskop verweigerten.
Heute, 400 Jahre später scheint die Situation recht ähnlich.
Werner Dierlamm
18.06.201518:56
Die historisch-kritische Schriftauslegung ist die Voraussetzung, dass kritisch denkende moderne Menschen die viele Texte der Bibel überhaupt noch ernst nehmen können.
Die Bibel ist Menschenwort. Die protestantische Kirche hat aber immer daran festgehalten, dass sie Gottes Wort im Menschenwort ist. Würde dieser Satz aufgehoben,dann würde die Kirche sich aufheben.
Als Beispiel nenne ich die Erwählung Israels als Volk Gottes. Kann die historisch-kritische Forschung diese Frage entscheiden? Ist es unbegreifliche Anmaßung, wenn Juden, wenn Christen immer noch an diesem Satz festhalten? Erwählung Israels bedeutet nicht, dass das Volk Israel ion der hebräischen Bibel von Kritik verschont bliebe. Im Gegenteil.Bei den Propheten Jeremia und Ezechiel wird das Volk Israel in vielen Kapiteln radikal kritisiert.
Dies gilt ebenso auch für die entstehende christliche Kirche, wie schon die paulinischen Briefe erkennen lassen.
Werner Dierlamm
Hans-E. Korth
13.06.201509:19
Anhänger des Bibelworts trösten sich damit, 'dass die Wissenschaft auch nicht alles erklären kann'.
Für die Wissenschaft besteht dagegen kein Zweifel daran, dass es sich zumindest bei den 'überprüfbaren' Episoden des NT um Produkte frommer Phantasie handeln muss.

Aber so unglaublich es klingen mag: Jesus war wohl das Kind einer Jungfrau und der prophezeite Messias, dessen Kommen ein vor 'den 3 Königen' still stehender Komet angekündigt hatte! Der Massenmord des Herodes an den Kindern um seinetwegen überschattete sein Leben...

All dies ergibt sich fast zwangsläufig mit der von Isaac Newton schon 1689 (!) verfassten und posthum veröffentlichten 'Chronology of Ancient Kingdoms Amendend' aus den überprüfbaren astronomischen Daten zur Zeit der Geburt Jesu.
Mehr dazu:
http://isaac-newton.jahr1000wen.de/Jesus-in-Echtzeit.pdf

Durch das unreflektierte Beharren auf dem sakrosankten Geburtsjahr um 1 uZ. verspielen die Kirchen die Glaubwürdigkeit ihrer Lehre!
Elisabeth Wöckel
10.06.201516:33
Die Textauslegung des NT kann wederauf die historisch.krititische Methode noch auf fundamentalismus reduziert werden. Fixiert auf "Auslegung", will man etwas herausholen. Zu kurz kommt der kulturelle Hintergrund. Ich habe 8 Jahre in Syrien gelebt und nach der frühen Kirche geforscht. Die Tradition der paulinischen Kirche aus Antiochien wurde weder in der römischen noch in der lutherischen Kirche wahrgenommen. Nicht "Auslegung" ist wichtig, vielmehr die Wahrnehmung der vorhandenen Überlieferung führt zum Verstehen der Botschaft in ihrem liturgischen Vollzug, überliefert von Archäologen. Elisabeth Wöckel
Jan Baas
08.06.201518:06
Sehr seltsam, dass 2015 in Deutschland auf einem Kirchentag noch darüber debattiert wird, ob Jesus auf dem Wasser gehen konnte. Haben die Leute alle nie einen ordentlichen Reli-Unterricht an der Schule gehabt?
Manfred Brandhorst
08.06.201517:20
Wir leben ja im Heute. Was vor 2000 Jahren geschah, wird heute so nicht mehr geschehen - das erwarte ich auch nicht. Das ist für meine Bindung zu Gott, dem Sohn, auch nicht entscheidend. Ich wünsche mir eine offene und zeitgemäße Kirche.
Horst Bornschein
07.06.201512:35
Der Stuttgarter Hospitalhof hatte auch schon bessere Zeiten. Jetzt sich diese Akademiker ins Haus zu holen um Irrlehren zu verbreiten, war keine gute Entscheidung und ich bete, dass viele Menschen, die diesen Theologen zuhörten, sich von dieser Kirche abwenden. 2.Timotheus 3:14ff
Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.
Bernd Kehren
06.06.201512:01
Solange Menschen direkt die Bibel lesen (und das ist gut so) werden wir uns immer neu mit der Frage auseinandersetzen müssen, was damals nun war und wie wir es heute verstehen können. Und wir werden überzeugende Antworten geben müssen. Antworten, die im Leben tragen.

Das andere: Wie präsentieren wir Pfarrerinnen und Pfarrer im Kindergottesdienst diese biblischen Geschichten? Erzählen wir sie ungebrochen als damals genau so geschehen?
Oder lassen wir durchscheinen, in welcher Form wir selber mit dieser biblischen Realität umgehen? Ich befürchte, dass das nicht immer genügend deutlich wird.