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Dortmund gegen Rechts

von Britta Baas 22.06.2019
Der Junge ist höchstens 10, 11 Jahre alt. Er sitzt vor dem NSU-Mahnmal an der Dortmunder Steinwache. »Warum wurde Mehmet Kubasik getötet?«, fragt er verstört. »Warum denn?«
Dortmund wehrt sich gegen seine rechte Szene: Mensch, wem vertraust du? (Gafik unter Verwendung eines Motivs von © Deutscher Evangelischer Kirchentag)
Dortmund wehrt sich gegen seine rechte Szene: Mensch, wem vertraust du? (Gafik unter Verwendung eines Motivs von © Deutscher Evangelischer Kirchentag)

Karl* schaut den Jungen einige Sekunden wortlos an. Gerade ist ein zweistündige Stadtrundgang zu Ende gegangen. Karl, um die 60, engagiertes Mitglied der »Christen gegen Rechts«, hat zusammen mit einer Studentin fast 200 Menschen an Orte rechter Präsenz geführt. An Orte der Provokation und Gewalt, des Missbrauchs der Demokratie zum Zwecke der Demokratie-Zerstörung mitten in Dortmund. Die letzte Station auf dieser Prozession der besonderen Art ist die Gedenkstätte für die Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Mehemet Kubasik war ihr achtes. Am 14. April 2006 wurde er in seinem Dortmunder Kiosk erschossen.

Der Ort des Geschehens liegt nur wenige 100 Meter entfernt. Karl ist daran oft vorbeigekommen, er wohnt seit mehr als 40 Jahren in der Stadt. Warum wurde Mehmet Kubasik getötet? Die Frage steht still und schwer in der Mittagshitze. »Weil er türkischer Herkunft war«, sagt Karl. Der Junge schaut ungläubig. In seinen Augen steht die Frage: »Und das hat gereicht?«

Ja, dem NSU reichte es, um einen Menschen zu ermorden. Über Jahre hinweg riss die ausländerfeindliche Serie nicht ab. Das wurde auch deshalb möglich, weil die Staatsanwaltschaften überall in Deutschland – auch in Dortmund – in andere Richtungen ermittelten. Mehemet Kubasik wurde selbst krimineller Machenschaften und seine Familie der Beteiligung an dem Mord verdächtigt. Bis sich der NSU im November 2011 selbst enttarnte.

»Warum wurde Mehmet Kubasik getötet?« Karl hat die Frage längst beantwortet, da schüttelt der Junge immer noch den Kopf. So als ob er es einfach nicht glauben könnte. »Bitte erzählt bei euch zu Hause, dass es in Dortmund nicht nur Nazis gibt, sondern viele viele andere Menschen. Dass die Stadt sich entschieden wehrt«, sagt Karl allen zum Abschied. Seit die »Autonomen Nationalisten« 2003 von Berlin aus eine »Zelle« in Dortmund gründeten, ist die Stadt zum zweiten großen Hotspot der rechten Szene in Deutschland geworden. Es ist eine junge Szene. Gewalt ist ihre Antwort auf den Wandel der Gesellschaft, Vielfalt und Frieden sind ihr erklärter Feind. Und häufig liest und hört man irgendwo in Deutschland, Dortmund sei eine rechte Stadt. Karl kann das kaum ertragen. Sein Dortmund! Niemand soll so etwas sagen dürfen.

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Warum sich Christen gegen Rechts engagieren? Für Karl ist das gar keine Frage. »Wir gegen von der Würde eines jeden Menschen und von der Gleichwertigkeit aller aus«, sagt er. »Neonazis tun das Gegenteil. Was sie tun, ist ein Angriff auf unsere Werte und unseren Glauben. Und es ist ganz uns gar nicht die Rettung des christlichen Abendlandes.«

»Mensch, worauf vertraust du?« Der Kirchentag hat seine Losung für Dortmund aus dem Alten Testament genommen. »Was für ein Vertrauen ist das, mit dem du dich sicher fühlst?« Karl setzt Vertrauen in seine Mitmenschen. »Zusammen sind wir stark gegen die Gewalt. Zusammen können wir reagieren, schnell und angemessen. Wir dürfen uns nicht verzetteln, müssen mit unseren Kräften haushalten. Der Weg ist noch lang ...« Es ist, als ob er bei Hiskia, dem König von Juda, in die Lehre gegangen sei. Jenem König, von dem das Buch handelt, dem die Kirchentagslosung entnommen ist. Auch er kann eigentlich nur verzweifeln ob der Stärke der Feinde. Am Ende obsiegt er doch.

Aber die Toten des langen Kampfes – sie stehen nicht mehr auf.

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