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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2013
Da sein, wo die Wunden der Welt sind
Der Inhalt:

Wider den preußischen Drill

von Detlef Träbert vom 20.12.2013
Das wünschen sich viele Eltern: Ihr Kind soll höflich sein, leistungsbereit und gute Noten heimbringen. Doch Drill, Strenge und Leistungsdruck führen bestenfalls zu Angst und Anpassung

In den 1970er-Jahren sagte der Vater eines meiner Freunde: »Wenn ich euch langhaarige Affen sehe, wird mir Angst und Bange um meine Rente!« Damals lange Haare, heute Piercings und Tattoos – die Jugend sucht stets nach Symbolen der Abgrenzung von der älteren Generation in Mode und Verhalten. Heute ist diese Abgrenzung schwieriger, da Jugendlichkeit als Ideal für alle gilt: Die Gesellschaft liebt die Jugend, aber nicht immer die Jugendlichen.

Früher wie heute gilt: Wenn sich Jugendliche um Abgrenzung bemühen, werden sie für ihr Verhalten kritisiert. Offenbar ist das immer schon so gewesen: »Die Jugend liebt heute den Luxus, sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität und hat keinen Respekt vor älteren Leuten«, klagte vermutlich Sokrates vor 2400 Jahren im antiken Griechenland. »Die Jugend achtet das Alter nicht mehr« hieß es vor rund 3500 Jahren im alten Ägypten. Noch einmal tausend Jahre älter ist die Inschrift auf einer babylonischen Tontafel: »Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul.«

Das Benehmen und das Vokabular von Jugendlichen, ihre Umgangsformen und Ausdrucksweisen werden von Erwachsenen als respektlos angesehen. Lehrer kritisieren, dass ihre Schüler sie nicht mehr als Autorität ansähen, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten üblich gewesen sei, und keine Höflichkeit mehr kennten.

Aber mangelt es ihnen wirklich an Respekt? Höflichkeit ist eine Verhaltensnorm, die »bei Hofe« entstand. Sie beschrieb, wie man sich als Untertan gegenüber seinem Fürsten zu verhalten hatte. Sie drückte die Anerkennung eines gesellschaftlichen Oben und Unten aus.

In unserer demokratischen Bürgergesellschaft jedoch sind die Hierarchien flach geworden: Wir gehen als gleichberechtigte Personen auf Augenhöhe miteinander um. Allenfalls Präsidenten und hohe kirchliche Würdenträger können noch Anspruch auf ein besonderes Protokoll erheben. Der »vertikale Respekt«, der einseitig von unten nach oben zu zeigen ist und eher »Ehr-Furcht« meint, hat weitgehend ausgedient. Wir können ihn nicht mehr beanspruchen, wir können ihn uns allenfalls verdienen.

Doch das bedeutet nicht, dass Menschen unfreundlich miteinander umgehen dürften. Der »horizontale Respekt« kommt der ursprünglichen Wortbedeutung »Rücksicht« näher. Darauf hat jeder Mensch einen Anspruch, unabhängig von Alter, Geschlecht, Begabung

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