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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2012
Jesu Geburt: Die Würde der Ohnmächtigen
Der Inhalt:

Kapitän mit langem Atem

von Rolf Maier vom 21.12.2012
Raimund Kamm kämpft für die Abschaltung des Atomkraftwerks Gundremmingen – seit einem Vierteljahrhundert

Am Geländer über den Dächern von Ulm wirkt Raimund Kamm wie ein Kapitän auf der Brücke: groß, schlank, weißes Hemd, mit einem freundlichen Lächeln. Er deutet Richtung Münster. Dort sieht man die zwei Wasserdampfsäulen aus dem Atomkraftwerk Gundremmingen aufsteigen, dreißig Kilometer nordöstlich der Stadt. Seit einem Vierteljahrhundert kämpft Kamm für die sofortige Abschaltung des Atomreaktors: »Gundremmingen war Deutschlands erstes Groß-AKW, hatte als Einziges hierzulande mit Block A einen Unfall mit Totalschaden und ist heute das größte und gefährlichste Atomkraftwerk im Land«, sagt er.

Seit 1988 kämpft Kamm gegen Gundremmingen. Als Augsburger Landtagsabgeordneter der Grünen sprach er damals neben dem Zukunftsforscher Robert Jungk bei einer Kundgebung gegen das Atomkraftwerk. Später entwickelte sich daraus das Forum Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik mit Raimund Kamm als Vorstand und 850 Mitgliedern.

Das wird zu einer Lebensaufgabe. Der Großvater-Typ mit dem leisen Schalk um die Mundwinkel presst die Lippen zusammen, als er an den Beschluss der rot-grünen Bundesregierung von 1990 erinnert, an jedem AKW ein Zwischenlager einzurichten. Mit seinem Widerstand rannten Kamm und sein Forum offene Türen ein, selbst bei vielen Beschäftigten des AKW. Raimund Kamm widersprach öffentlich seinem Parteifreund, dem Umweltminister Trittin. Trotzdem kann er das Zwischenlager in Gundremmingen nicht verhindern. Das Forum verliert 2008 den Prozess vor dem Bundesgerichtshof und bleibt auf Prozesskosten von 100 000 Euro sitzen.

Vom GAU in Fukushima erfährt Kamm im Bus. Da ist er gerade auf dem Weg nach Stuttgart, wo er eine Menschenkette zwischen der Landeshauptstadt Stuttgart und dem AKW Neckarwestheim bilden will. Er analysiert die Lage und erklärt den Mitstreitern, was in Fukushima physikalisch zu erwarten sei. Angst hat er nicht, doch er sieht sich bestätigt, »dass die Atomkraft ein schlimmer Irrweg ist, der im Desaster enden wird«. Kollegen klopfen ihm jetzt auf die Schulter, Menschen stellen neugierig Fragen, wie es weitergeht. Die meisten fühlen sich ohnmächtig. Raimund Kamm hat auch keine Lösung zu bieten, und als Kanzlerin Merkel die Energiewende erklärt, lobt er sie innerlich. Er freut sich, dass die Laufzeitverlängerung de

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